Bei diesem Wort tauchen ganz unvermutet Bilder aus dieser wunderschönen Kirche in Alassio in mir auf, dem für mich vielleicht schönsten Gotteshaus, in dem ich jemals mit Andacht gesessen bin und die Kerzen am Marien-Altar vor sich hinbrennen sah. Ganz ruhig brannten sie vor sich hin. Die meisten leuchteten ohne das geringste Zucken, einige flackerten ein bisschen, und nur eine schien von irgendwoher eine Art Wind zu bekommen. Sie zuckte heftig, meine Augen richteten sich auf diese Flamme, und ich konnte mich nicht von dem Gedanken lösen, dass das vielleicht mit der Seele des Entzünders etwas zu tun haben mochte. Wobei eher anzunehmen war, dass es sich dabei um ein weibliches Wesen gehandelt hatte, wo doch überwiegend Frauen Kerzen in Kirchen anzünden. Wie auch immer. Sie zuckte und flackerte, doch plötzlich war das Zucken vorbei. Still brannte sie weiter und vergeblich wartete ich auf ein erneutes Flackern. Irgendetwas war mit der Kerze geschehen - ohne, dass jemand Hand daran gelegt hätte.
Warum mir beim Wort beten ausgerechnet diese Kirche an der Riviera di Ponente, dieser Küste der untergehenden Sonne im westlichen Ligurien in die Sinne kommt, das liegt vermutlich daran, dass ich bei meinen Tennis-Ausflügen mit Turnierteilnahmen mehrmals in diesem Paradies war und beinahe täglich in dieses Gotteshaus im Zentrum von Alassio einkehrte.
Wie immer nahm ich meine Mütze vom Kopf, ging einige Schritte hin zum Kessel mit dem Weihwasser, bekreuzigte mich, und schon hörte ich dieses Murmeln an meine Ohren dringen. Es war relativ dunkel im Inneren, nur die wunderschön bemalten Fenster ließen zart das Licht der Sonne hindurchdringen. In den vordersten Bankreihen waren etwa ein Dutzend in dunkle Kleider gehüllte Frauen versammelt, und das von mir vernommene Murmeln war inzwischen lauter geworden, je näher ich mich zu den Betenden hin bewegte. Ich setzte mich in eine leere Bankreihe und ließ die Atmosphäre von Dunkelheit und brennenden Kerzen, von Gebetsmurmeln und dem Gefühl von Ruhe und Geborgenheit in mich einfließen. Wenige Meter nur entfernt von der ausgelassenen Fröhlichkeit und dem Treiben in diesem Badeort genoss ich diese Ruhe, und die Stimmen der betenden Frauen wirkten auf mich wie ein Kissen, auf das ein Wanderer nach einem anstrengenden Tag seinen Kopf betten mag. Verflogen war alle Hektik aus meinem Inneren, die ich noch kurz zuvor in mir verspürt hatte am Strand, mit den ans Ufer brandenden Wellen, dem Wirrwarr der Stimmen von Einheimischen und Touristen, dem Lachen und Weinen der Kinder, die sich in großer Zahl im grellen Sonnenlicht tummelten.
Ich hatte natürlich keine Ahnung, ob die Leander, der Zacharias oder der Hemingway jemals in dieser Kirche waren und vielleicht so wie ich diese ganz besondere Atmosphäre in sich einfließen haben lassen. Um nur drei Berühmtheiten zu nennen, die sich gern an diesem Badeort aufhielten. Wie übrigens auch der Kon-Tiki-Segler Heyerdahl. Vielleicht war der sogar zum Beten in dieser Kirche San Matteo. Könnte durchaus sein, wo doch einAbenteurer wie er ganz bestimmt nicht nur einmal Beistand von "oben" nötig hatte bei seinen verwegenen Segel-Reisen. Den Ernest dürfte es wohl eher zu Nobel-Restaurants, denn zu Kirchen hingezogen haben, vermute ich ganz locker. Bei all dem, was ich von seinem Leben weiß. Und der Geiger Zacharias wird wohl auch kaum jemals mit seiner Violine dort aufgetaucht sein. Wobei das ebenso wenig auszuschließen ist, wie dass die Leander vielleicht sogar das eine oder andere Kirchenlied in diesen besinnlichen Hallen mitgeträllert hat.
Ich hab weder gesungen noch gebetet und hab nur in meinem Inneren ein bisschen Andacht gehalten, wie ich das in den verschiedensten Kirchen mache und gerne in solche Stätten der Ruhe und des Friedens gehe, um dort für einige Minuten der inneren Einkehr zu verweilen. Es gibt ja jede Menge von solch wunderbaren Bauwerken, und wenn ich meinen Kirchenbeitrag noch immer einigermaßen bereitwillig an meine christliche Glaubensgemeinschaft abliefere, dann ist wohl das der entscheidende Grund dafür. Für mich sind Orte ohne Kirchen, wie eine Wiese ohne Blumen, oder wie ein Sommer ohne Regen. Da fehlt ganz einfach etwas. Weil das gelegentliche Nass dem Sommer erst zu seiner vollen Entfaltung verhilft und Kirchen und die darin Betenden Trost und Hoffnung durch die Luft tragen. Weithin spürbar für empfindsame Seelen.
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Gut kann ich mich noch an meine Kindheit erinnern. Wie uns unsere Mutter am Abend nach dem zu Bett-Gehen immer ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet hat. Zuerst meinem Bruder und dann auch noch mir, und wenn unser Kater neben uns im Bett wohlig geschnurrt hat, dann hätte ich ihm am liebsten auch ein Kreuz auf seinen Kopf gezeichnet. Damit auch er beschützt werden sollte, und ein wunderbares Gefühl von Geborgenheit durchzog dabei immer mein Inneres.
Manche Familien beten immer vor dem Essen und danken damit für die empfangenen Gaben, die vor ihnen auf den Tellern liegen. So fromm waren wir nicht, wenn vielleicht auch meine Mutter durchaus zu solchen Dankesworten bereit gewesen wäre. Mein Vater schien eher seinen eigenen Händen zu vertrauen als irgendwelchen imaginären Mächten, denen wir womöglich unseren karg gedeckten Tisch zu verdanken hätten. Deshalb hielt er sich auch bei der Opferung in der Kirche immer zurück, wenn der spindeldürre Mesner mit seinem Klingelbeutel durch die Reihen schritt und für den wohlgenährten Pfarrer Spenden einsammelte. Zumindest meinte ich damals, dass der Mesner das für den Pfarrer machen würde. So ganz Unrecht dürfte ich dabei nicht gehabt haben, nehme ich zumindest an, weil ja auch wir Ministranten bei Hochzeiten und Taufen am Kircheneingang standen und unsere Pappschachteln den Eintretenden hinhielten, damit sie ein bisschen Geld hineinwerfen sollten. Wir haben dabei aber nicht gebetet, nur ein leises "Vergelt's Gott" vor uns hingemurmelt.
Und wenn die Feierlichkeit zu Ende war, und die Menschen die Kirche schon längst wieder verlassen hatten, da machten wir uns ans Aufteilen. Die Großen bekamen mehr, die Kleinen weniger. So war das eben. Wobei die Großen etwa 13, 14 Jahre alt waren und die Kleinen von acht, neun Jahren aufwärts. Der Pfarrer wird vermutlich auch geteilt haben. Mit dem Mesner? Wohl eher nicht. Doch mit der Obrigkeit vielleicht. Wobei er eher den Anteil eines Kleinen für seine eigenen Dienste in Anspruch genommen haben dürfte. Oder in selbstloser Weise total auf einen Anspruch verzichtet hat. Auch das könnte durchaus so gewesen sein.
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Bleiben wir bei der Kirche. Wenn im eher dunklen Inneren eines solchen Gotteshauses das "ewige Licht" rot schimmernd sanft vor sich hinbrennt, dann leuchtet in dieser Atmosphäre auch in mir so etwas wie ein Licht auf, mein Atem wird schwach und alle meine Sinne erfühlen diese Stimmung, und ich bin drauf und dran, ein Gebet vor mich hinzumurmeln. Kein großartig langes Gebet, eher einige Worte des Dankes oder der Besinnung oder ich lege eine Bitte auf meine Zunge und hoffe, dass sie erhört wird. Wenn mir auch durchaus bewusst ist, dass dies eine zu einfache Variante wäre, Probleme oder Sorgen sozusagen mit einem Handstreich aus der Welt zu schaffen.
Und doch scheint eine ganz gewaltige Kraft in so einem Gotteshaus zu stecken, weil die Eintretenden mit einem Mal ganz ruhig werden, ihre Stimmen beinah zu einem Flüstern herabsinken, und ihre Bewegungen die gleiche Dämpfung erhalten. Die vormals hochgestreckten Köpfe recken sich nicht mehr arrogant in die Luft, Schultern und Brust der Einkehrer sind weit entfernt von jeder Straffheit, und so mancher Besucher neigt demütig sein Haupt, bekreuzigt sich und beugt das Knie. Und das, obwohl ihn oder sie kein Mensch je dazu aufgefordert hätte.
Gebete scheinen auch etwas von dieser Kraft an sich zu haben. Ich weiß noch genau, dass ich Dreikäsehoch in meiner Volksschulzeit einmal ganz ordentlich in meine Sitznachbarin verknallt war. Ein wunderhübsches Mädchen mit schwarzen Zöpfen, einem süßen Mund und glutvollen Augen. Sie hieß Hanni und eines Tages erschien sie nicht in der Schule. Ich schaute vergeblich immer wieder hin zur Tür, aber sie kam nicht, obwohl sie eigentlich kommen hätte müssen, wie auch alle anderen Kinder zur Schule gekommen waren. Ich war beunruhigt. Was war los mit ihr?
Am nächsten Morgen erschien sie wieder nicht und ich blickte wieder und wieder hin zur Tür. Irgendwann musste sie doch ganz einfach auftauchen. Dann die Worte der Lehrerin: "Kinder, die Hanni hat sich die Hand gebrochen, sie ist im Spital und wird wohl einige Zeit lang nicht zu uns kommen." Hand gebrochen, Spital. Für mich Knirps nicht recht vorstellbar, was alles mit meiner Hanni passiert sein sollte. Jedenfalls war es nichts allzu Schlimmes, wie mir meine Mutter später erklärte. Das heilt schon wieder zusammen. So Gott will. Typisch für meine Mutter. Ohne Gott ging bei ihr eben gar nichts.
Am Abend lag ich wieder in meinem Bett, neben mir unser Kater Mohrli und er schnurrte wie immer, wenn er sich besonders wohl fühlte. Nachdem meine Mutter meinem Bruder Herbert und mir das bereits erwähnte Kreuz mit einem "schlaft gut!" auf die Stirn gezeichnet hatte, mit einigen Schritten zur Tür ging und sie leise hinter sich schloss, da bewegten sich auf einmal meine Lippen. Ich dachte an die Hanni und bat "ihn", sie mir doch möglichst bald wieder zu bringen. Möglichst bald! Bitte!
Wenn ich daran zurückdenke, so war dieses Beten doch ein kleiner Schimmer der Hoffnung in meiner Bubenbrust, und es mag wohl auch noch etliche andere Situationen in meiner Kindheit gegeben haben, wo ich ein Gebet sozusagen zum Himmel geschickt hab. Die Hanni? Drei Abende hab ich noch gebetet, dann stapfte sie wieder zur Tür herein und ich war der erste, der seinen Namen auf ihren Gips kritzeln durfte. Und am Abend, nach dem Zu-Bett-Gehen? Da rutschte mir doch tatsächlich ein "danke" aus dem Mund, und ich war fest davon überzeugt, dass meine Gebete sie mir wieder gebracht hätten.
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Eine kleine Geschichte noch aus meiner Kindheit, die auch mit Beten bzw. mit der Kirche zu tun hatte. Ich war ein aufgeweckter Junge, so hieß es damals jedenfalls bei all jenen, die mich ein bisschen besser kannten. Manchmal vielleicht ein bisschen zu aufgeweckt, wie wir gleich sehen werden.
Was war geschehen?
Mein Bruder und ich waren wie jeden Sonntag den Weg zur Kirche hinangestiefelt, weil die Kirche in unserem Ort, wie ja beinahe überall, auf einer Anhöhe stand. Böse Zungen behaupten, damit die "Pfaffen" auf die einfachen Menschen herabschauen könnten. Wenn ich daran denke, was man in letzter Zeit alles von diesen Barmherzigen Brüdern zu Ohren bekommen hat, dann würde für manchen von ihnen wohl eher der Ausdruck warmherziger Bruder passen, und sie sollten ihre Hände lieber zum Gebet falten, als sie so manchem unschuldigen Knaben irgendwo unsittlich aufzulegen. Wie das zum Glück ja doch eher selten vorkommt.
Zurück zu unserem damaligen Kirchenbesuch: Mein Bruder war sogleich in der Sakristei verschwunden, wo sich die Ministranten vor dem Gottesdienst versammelten, ich bin die paar Stufen hinauf zum Chor gestiegen und hatte in der ersten Reihe Platz genommen. Wir waren zeitlich dran und erst nach und nach trudelten die Sonntag-Kirchgeher im Gotteshaus ein. Herrlich, diese erste Reihe oben am Chor, da konnte auch ich Knirps mit meinen sieben Jahren mich über die steinerne Brüstung lehnen und so das Treiben unter mir beobachten.
Der Gottesdienst hatte längst begonnen und mir war doch tatsächlich ein bisschen langweilig zumute. Unter mir die betenden Frauen mit ihren Kopftüchern und vorne am Altar der Pfarrer und die Ministranten. Neben mir saß seltsamerweise niemand. Ein Mann hatte sich zuerst neben mich gesetzt, doch er war noch vor der Opferung wieder gegangen, wie das die meisten Männer machten. Sie legten das Geld lieber beim Kirchenwirt für einen Humpen Bier auf den Tisch, als dem Mesner ein bisschen Kleingeld in den Klingelbeutel zu werfen. Jetzt war die Wandlung gekommen. Die Betschwestern knieten unter mir und hatten ihre Hände andächtig zusammengefaltet. Ich beugte mich übers Geländer, zielte und traf ...
Nach dem Gottesdienst und längst wieder zu Hause, da traf auch einer: mein Vater. "Du spinnst wohl", schrie er mich an. "Vom Chor herab unserer Nachbarin in den Nacken zu spucken!"
Die kleine Geschichte hat mit Beten eigentlich nichts zu tun. Warum ich diesen Einfall gehabt hatte, das weiß ich heute nicht mehr. Der vorgebeugte Kopf und der zu mir hoch leuchtende Nacken mögen vielleicht eine zu große Anziehungskraft auf mich ausgeübt haben. Da hab ich eben ein bisschen im Mund zusammengesammelt und - ab mit der Post. Mein Pech, dass ich zu genau getroffen hatte, und dass außer mir kein Mensch an der "Abschussrampe" zu sehen war.
Doch die Sache ist ja einigermaßen gut ausgegangen. Die Nachbarin war zufrieden mit der Ohrfeige, die mir mein Vater vor ihren Augen versetzte. Ich um eine Erfahrung reicher. Mein Bruder? "Du Spinner, lässt dich auch noch erwischen!" Und meine Mutter? Die hat die Hände zusammengeschlagen und ausgerufen: "O Gott, o Gott. In der Kirche vom Chor zu spucken. Schäm dich!"
Detail am Rande: Allzu gut konnten sich die beiden Frauen vermutlich ja kaum jemals leiden. Und wer weiß, ob meine Mutter nicht ein ganz klein wenig über meine Bosheit der Nachbarin gegenüber gelächelt hat. Im Inneren natürlich, und nur ein ganz klein wenig! So etwas könnte trotz ihrer Gottesfurcht durchaus möglich gewesen sein.
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Sehr zu Herzen ging mir immer das Beten, wenn irgendeiner aus unserem Ort gestorben war und wir Buben am Abend zur Toten-Wache in die Kirche mitgingen. Damals gab es bei uns noch keine Leichenhalle und der Sarg stand vorne in der Nähe des Altars. Umgeben von Kerzenständern, auf denen die Kerzen still vor sich hin brannten.
In der ersten Reihe kniete der Vorbeter, der zugleich Mesner war. Mit ernster Miene rasselte er in seiner schwarzen Kutte ein "Vater Unser" nach dem anderen herunter. Dazwischen immer wieder Fürbitten für den oder die Verstorbene. Einige "Gegrüßt seist Du, Maria" natürlich auch und dazu etliche Strophen vom Rosenkranz. Nur wenige Lichter brannten in der Kirche und mir war immer irgendwie schaurig zumute. Zuerst die Stimme des Vorbeters, dann die der einsetzenden Trauergäste, mit dem einen oder anderen Schluchzen, das sich darunter mischte, und dann wieder das Geräusch von Schnäuzen, wenn sich die weinenden Frauen die Nase putzten.
Auch ich hatte immer meine Hände gefaltet, kniete nieder, wenn alle niederknieten, und stand auf, wenn das die anderen auch taten. Das Gleiche galt fürs Hinsetzen. Das war mir am liebsten. Von überall her schienen die Worte an meine Ohren zu hallen und auch das Murmeln einzelner Betender, die beim Beten anscheinend den Mund nicht allzu weit aufmachten. Vielleicht aus Angst, irgendetwas von der Totenstarre könnte dabei in ihr Inneres dringen. Was weiß ich. Ich hielt mich ja auch zurück, was die Lautstärke anbelangte, und ich konnte mir nicht recht vorstellen, was nun wirklich mit der Leiche im Sarg weiter geschehen würde. Gab es diesen Himmel, von dem alle immer sprachen, oder das Fegefeuer oder musste so manch Toter tatsächlich in der Hölle schmoren? Halfen da etwa die Gebete mit, damit das nicht geschehen könnte? Diese Fragen geisterten durch meinen Kinderkopf und irgendwie fühlte ich mich behütet in der Menge der Betenden.
Als die ganze Sache vorbei war und sich die Menschen die Hände schüttelten, manche sich um den Hals fielen, weinten und sich gegenseitig Trost zusprachen, da machte auch ich ein trauriges Gesicht und ging ebenso wie alle anderen hin zum Sarg, tauchte den Tannenzweig in den Weihkessel und sprengte ein Kreuzzeichen darüber. Und ich horchte angestrengt, ob ich nicht irgendein Klopfen vernehmen würde. Weil mein Vater einmal gesagt hatte, dass auch Scheintote manchmal in den Sarg gelegt wurden, und wenn die nicht geklopft hätten, hätte man sie vermutlich lebendig begraben. Meine Mutter hatte damals heftig gegen seine Aussage protestiert, das weiß ich noch ganz genau, und das Ganze als dummes Gerede hingestellt. Aber mein Vater hat sich das mit dem Scheintoten im Sarg nicht ausreden lassen. Seine Mutter hätte ihm einmal davon berichtet und auch andere Leute wüssten ja davon. Aber ich hörte nichts. War mir auch lieber so. Aber irgendwie kam mir die Sache doch nicht ganz geheuer vor. Und diese schreckliche Enge in so einem Sarg. Als ich wenig später wieder vor der Kirchentür stand, atmete ich richtig durch und fühlte mich wieder besser.
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Weiter zum Beten und damit auch zur Frage, warum die Menschen eigentlich beten. Mir geht es zwar nicht immer so gut, dass ich "danke, gut" ohne zu lügen sagen könnte, wenn mich dieser oder jener nach meinem Befinden fragt. Wie das eben so üblich ist, wenn man sich irgendwo trifft, und die ersten Worte nach der Begrüßung in 99 Prozent der Fälle "wie geht's?" lauten. Ich hab noch kaum jemals gehört, dass irgendeiner als Antwort "nicht gut" gesagt hätte. Die meisten antworten: "Danke, es geht schon!" oder "danke, gut!"
Das sind sicher keine bewussten Lügen, aber doch sind solche Antworten oft weit weg von der Wahrheit. Wer gibt schon gerne zu, dass es ihm schlecht geht? Ich auch nicht, ehrlich gesagt. Meist ist der Zustand ja so nur vorübergehend schlecht. Schlechte Laune, Ärger da und dort. Das legt sich oftmals sehr schnell wieder. In solchen Stunden sind wir Menschen weit weg von Gebeten, das schaffen wir noch locker. Anders die Situation, wenn es jemandem tatsächlich schlecht geht, weil er vom Pech verfolgt ist, oder dies und das total "in die Hose gegangen" ist. Mit Stress und Frust und sehr zum Schaden gereichend.
Dann wieder kommt jemand in finanzielle Nöte, oder ein anderer erkrankt ernsthaft und eine Besserung ist weit und breit nicht zu bemerken. Da könnte vielleicht der Gedanke an Hilfe bereits in diesem oder jenem Kopf herumgeistern. Hilfe von Verwandten, Freunden, Bekannten oder anderen hilfreichen Menschen. Sollten aber diese Hilfen wenig fruchten, dann kommt die nächste Instanz zum Tragen. Da wird vielleicht schon hie und da eine Kerze angezündet und es rutscht dem einen oder anderen vielleicht schon so etwas wie ein Gebet über die Lippen. Von gläubigen Menschen bereits wesentlich früher, von weniger im Glauben Beheimateten eher später.
Wenn der Zustand der Not und des Elends sich der 100-Prozent-Marke nähert und so gut wie keine menschliche Hilfe mehr möglich scheint, dann wird hingekniet und geflennt, gebetet und gehofft. Da muss der Herrgott einspringen, koste es, was es wolle!
"Er muss doch ganz einfach helfen!"
"Das kann er doch nicht zulassen!"
"Was hab ich denn verbrochen, so bestraft zu werden!"
"Warum gerade ich? Herrgott im Himmel, so hilf mir doch!"
Irgendwie helfen Gebete immer, auch wenn sie nur ganz selten Wunder bewirken. Vor allem für wunde Seelen sind sie Balsam und sehr oft helfen sie mit, in schwerer Not Trost zu spenden ...
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Einige Gedanken zu meinem etwas der Zeit angepassten "Vater Unser":
Mir schien der Text nicht ganz unserer heutigen Zeit entsprechend zu sein. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und suchte nach einer mir besser scheinenden Form. Bereits der Beginn mit "Vater unser" schien mir verdreht zu sein. Eher müsste es wohl "Unser Vater" heißen. Deshalb suchte ich nach einem passenden neuen Beginn und beginne mein "Vater Unser" deshalb mit "Allmächtiger Vater". Damit kann ich auch die Macht Gottes gleich zu Beginn darstellen und preisen.
Den "Himmel" wollte ich wegbringen und eher ein "Reich Gottes" dafür hernehmen.
Wenn es ursprünglich heißt: "Dein Reich komme", so würde dieses Reich wohl kaum jemals zu uns kommen, eher würden wir nach unserem Tod in ein solches Reich eingehen können, sofern wir für unsere Art zu leben bzw. für unsere guten Taten irgendeine Belohnung erhalten, was durchaus ein Ansporn sein könnte, gute Werke zu tun.
Weiter: Warum sollten wir einen Namen heiligen? Deshalb schien mir besser zu sein aus der ursprünglichen Version: "geheiligt werde dein Name" diesen unseren Gott anders zu würdigen mit: "Du bist das Licht in unserem Leben".
Auch: "Unser tägliches Brot gib uns heute" wollte ich erweitern, indem wir Menschen darum bitten sollten, dass uns der Herrgott nicht nur Nahrung für unseren Leib, sondern vor allem auch Nahrung für unsere Seele schenken möge. Wobei mir "schenken" geeigneter schien als "geben".
Weil beten ja durchaus mit bitten in Verbindung gebracht werden kann, so habe ich das Flehen als innigste Form dafür eingebaut und dazu noch die Hoffnung, dass wir, trotz aller Widrigkeiten, die auf dieser Erde immer wieder geschehen, auch an das Gute glauben sollten.
Auch gab mir "führe uns nicht in Versuchung" zu denken, gibt es doch durchaus Versuchungen, Gutes zu tun. Also weg damit.
Für "Schuld" und "Schuldigern" nahm ich "unsere Schwächen" und "unsere Sünden" in den Text auf.
"Lass am Ende in dein Reich uns kommen!" und die Sache "mit der Erlösung der Seelen" habe ich bewusst ans Ende des Gebetes gesetzt, um den vielen Sterbenden Hoffnung zu geben, dass durchaus Schönes nach unserem Abgang auf sie zukommen könnte ...