Burgen darunter verstehen wir Bauwerke aus dem Mittelalter, die zur Abwehr von Feinden aus aller Herren Länder dienten. Riesige, zumeist auf Berghügeln errichtete Kolosse mit oftmals tiefen Wassergräben rundherum und mit Zugbrücken, um über diese Gräben ins Innere derartiger Befestigungsanlagen zu kommen. Herrlich anzusehende Burgen mit gewaltigen Mauern, die zu erklimmen nur mit Leitern und unter größter Mühe möglich war. Zudem mit mehreren Türmen versehen und mit Schießscharten, aus denen man mit Pfeil und Bogen, später dann mit Musketen auf die anstürmenden Feinde schießen konnte.
Hätte es diese Feinde nicht gegeben, dann wären solch gewaltige Bauwerke wohl kaum jemals gebaut worden. In unzähligen Stunden unter größten Mühen errichtet. Bestimmt haben nicht nur Männer Hand angelegt, auch Frauen und Kinder werden mitgeholfen haben, Stein um Stein herbeizuschaffen und mit Hilfe von Mörtel in gewaltige Höhen, möglichst dick und breit aufzuschlichten und zu befestigen. Wobei Platz genug sein musste, um auch im Inneren dieser Burgen ein florierendes Dorfleben zu gewährleisten. Mit Grünflächen, mit Brunnen, mit Vorhöfen und einem großen Innenhof, wo manchmal sogar die Ritter mit ihren Pferden über einen so genannten Turnierplatz gesprengt sind, um sich hoch zu Ross Gefechte zu liefern. Gefechte nicht nur zur Freude der Zuschauer, sondern um die Kampfkraft zu erproben und für den Ernstfall zu üben.
Doch nicht nur Menschen waren auf den Burgen ansässig, auch allerlei Tiere wurden innerhalb dieser Mauern gehalten, um die Menschen mit Fleisch, Milch und Eiern zu versorgen und Hilfsdienste zu verrichten, wenn Ochsen vor Leiterwägen gespannt wurden, um Baumstämme oder Steine, Erde etc. auf die Burgen zu tragen oder zu ziehen. In Zeiten, wo dies möglich war, weil momentan keine Feinde auszumachen waren.
Herrlich, diese Burgen, und sehr oft konnten sich die Menschen mit Hilfe dieser gewaltigen Bauwerke schützen und vor vielen Gefahren wappnen. Hin und wieder kam es jedoch vor, dass auch solche Befestigungen erstürmt und erobert wurden. Vor allem dann, wenn die Feinde die Burg lange Zeit belagerten, um damit die darin Lebenden auszuhungern oder in ständig neuen Versuchen die Mauern schlussendlich zu überwinden, um ins Innere zu gelangen. Wehrhaft mussten vor allem die Tore sein, und die Feinde attackierten diese Tore oft mit Rammbäumen, mit denen sie die Tore aufstoßen wollten. Oftmals wurden auch Brandpfeile über die Mauern ins Innere der Burgen oder auf die Dächer geschossen oder mit gewaltigen Steinschleudern versucht, die Befestigungsmauern zu beschädigen oder zum Einsturz zu bringen, um die in den Burgen Lebenden zu unterwerfen oder vielfach sogar zu töten. Doch es gibt auch Burgen, die niemals erobert wurden und allen feindlichen Angriffen erfolgreich trotzten.
Manche Burg steht heute noch, doch die meisten sind bereits zu Ruinen verfallen und zeugen damit von der Vergänglichkeit all dessen, was mit Materie zu tun hat. Materie im Sinn von lebenden oder auch festen Stoffen, die im Verlauf von Jahrhunderten oder Jahrtausenden, manchmal sogar von Jahrmillionen sich zwar nicht in Luft, aber dennoch in alle ihre Bestandteile auflösen.
Einzig der Geist der Verstorbenen wird vielleicht endlos weiter bestehen. Wie immer man sich das auch vorstellen mag. Sehr oft wird ja berichtet, dass vor allem in Burgen zu mitternächtlicher Stunde solche Geister ihr Unwesen treiben, und weil es genug Berichte über solche Begebenheiten gibt, deshalb könnte oder noch besser, wird zumindest ein Körnchen Wahrheit hinter all dem stecken. Einer Wahrheit, die wir mit unseren menschlichen Gehirnen nicht analysieren, sondern in dieser Richtung nur Vermutungen anstellen können. Niemand weiß wirklich, was nach dem Tod mit den Hingeschiedenen passiert. Ob ihre Seelen, wie vielfach angenommen, weiter existieren, ob diese Verstorbenen weiter Einfluss auf die noch Lebenden nehmen können oder ob das Existieren solcher Geister nur auf Vermutungen beruht.
***
Wenn ich bis jetzt die Burgen unserer Vorfahren als Beispiel hergenommen habe, um dieses Wappnen vor allem im äußeren Bereich zu demonstrieren, dann mache ich das ganz bewusst. Obwohl die Burgen, von denen ich ab jetzt berichten werde, keine Bauwerke aus Stein, Beton oder anderen irdischen Befestigungseinrichtungen bestehen, sondern eher imaginäre Burgen sind, die vor allem unserem inneren Schutz dienen sollen.
Brauchen wir so etwas eigentlich? Innere Burgen. Und wie soll das vor sich gehen? Kann man die wie die äußeren vornehmlich im Mittelalter entstandenen errichten? Was ist dazu notwendig, und wie könnte so etwas geschehen? Das Wichtigste vielleicht: Vor welchen Feinden sollen wir uns schützen? Gibt es die überhaupt und wie sind sie zu erkennen? Welchen Schaden können diese Feinde anrichten, oder können sie uns am Ende womöglich sogar vernichten?
Fragen über Fragen, und die Antworten dazu will ich hier suchen, diskutieren und mit Hilfe von Beispielen behandeln.
Unser Leben beginnt mit jenen Personen, die für unser Entstehen vorgesehen sind. Dazu sind ein männlicher Samenspender und eine Frau notwendig, in deren Gebärmutter wir zum Leben erwachen.
Damit sind wir bei den Genen und unserer Erbmasse, die nicht unwesentlich zu unserem späteren Lebensverlauf beiträgt. Um ein Beispiel aus dem Tierreich herzunehmen: Können wir uns vorstellen, dass aus einer Mischung von Eselstute und Araberhengst ein tolles Rennpferd entstehen kann? Wohl eher nicht, bzw. noch präziser formuliert niemals! Aus zwei wunderbaren Eseln wird jedoch ein herrliches Grautier entstehen. Und wenn sich ein Arber-Hengst mit einer dazu passenden Stute paart, so ergibt das mit Sicherheit ein Fohlen der Sonderklasse.
Brauche ich dazu noch weitere Ausführungen für unser zukünftiges Werden und späteres Sein zu machen? Wohl kaum, und jeder kann sich jetzt selbst ausmalen, welche Eigenschaften er oder sie auf Grund seiner Erzeuger mit ins Leben bekommen hat. Dazu ist vielleicht ein bisschen Ahnenforschung angebracht, sofern jemand wirklich genauer informiert werden will. Dazu nur ein ganz simples Beispiel von zwei Menschen:
Die Vorfahren der Mutter leben seit etlichen Generationen im hohen Norden, sind groß, blond und knochig von Gestalt und im emotionalen Bereich eher kühl, bodenständig und keinesfalls als temperamentvoll zu beschreiben. Der Vater hingegen stammt aus Sizilien, und bereits alle seine Vorfahren lebten dort. Wie richtige Sizilianer sind sie eher klein von Wuchs, äußerst temperamentvoll und heißblütig. Wie wird die nun entstehende Mischung aus diesen beiden Menschen aussehen? Dazu kann sich jeder seine eigenen Gedanken machen. Das meine ich, wenn ich von unserer Erbmasse spreche und diese hier anführe. Unendlich viele Mischungen werden immer wieder weltweit produziert, ganz im Gegensatz zu früheren Menschenformen, wo man vor gar nicht allzu langer Zeit kaum jemals aus dem regionalen Bereich fort kam. Am ehesten noch mit der Pferdekutsche oder zu Fuß. Da vermischte sich vermutlich kaum etwas hin zu einem neu geformten Wesen. Weder im Aussehen noch was das Gemüt oder den Geist betraf. Aber in unseren Zeiten mit den Jets und der weltumspannenden Reiselust der Menschen da tut sich doch einiges in dieser Hinsicht und trägt damit zu vermehrten Mischformen und in weiterer Folge zu einer immer mehr um sich greifenden Artenvielfalt bei.
Sehr viele Menschen bekommen mit den Genen bereits ihre ersten echten Feinde mit in ihr Dasein. Gegen die sind wir machtlos, und Burgen können wir gegen diese Erb-Feinde nur bedingt errichten. Am ehesten noch dann, wenn wir in unserer Ahnenreihe stöbern, um solche Schwächen ausfindig zu machen, und im Verlauf unseres Erdendaseins vorbeugende Maßnahmen gegen eventuelle Erbkrankheiten treffen.
Wer auf Grund seiner Gene zu Herzschwäche neigt und allenfalls damit einhergehenden Krankheiten, der könnte zumindest versuchen, sein Herz ein bisschen gegen alle Unbill abzuschirmen. Allzu viel Stress vermeiden, großen Aufregungen so weit wie möglich aus dem Weg gehen, sich nicht übergroßen körperlichen Anstrengungen aussetzen, sich zudem einigermaßen gesund ernähren und möglichst Herz schonend auf den oftmals vorgegebenen Schienen seines Lebenszuges dahin gleiten. Damit hätten wir zwar kaum eine Chance, eine richtige Burg für unser Herz zu errichten, mit solchen Maßnahmen würde es uns jedoch gelingen, einen kleinen Wall aufzubauen, der imstande ist, nicht gänzlich schutzlos diesen Mächten ausgeliefert zu sein.
Solches Tun ließe sich jetzt auf alle Organe umlegen, und wer auf Grund seiner genetischen Veranlagung zu schwachen und brüchigen Knochen neigt, der sollte nicht unbedingt Schipisten hinunterrasen, über Stock und Stein joggen oder mit dem Bike wild durch die Gegend kurven, um damit Stürzen und Knochenbrüchen vorzubeugen. Wer auf Grund seiner Erbanlagen mit schwachen Nerven ausgestattet wurde, dem würde ich raten, Konflikten und Ärgernissen so weit als möglich aus dem Weg zu gehen. Was natürlich nicht immer möglich sein wird. Eine kleine Burg könnte damit dennoch rund um ein nicht allzu starkes Nervenkostüm errichtet werden.
Zu mit ins Leben bekommenen Genen ließe sich ganz bestimmt noch vieles hier anbringen. Auch darüber, dass wir durchaus auch gute, starke und für unser Dasein positive Gene in unser Erdendasein mitbekommen.
***
Doch erst jetzt beginnt unser Leben richtig, und zwar im Mutterleib. Ob es da Feinde zu erspähen gibt, und welche Burgen könnten wir hier errichten?
Werfen wir einen Blick in irgendein Lokal, in dem sich bereits am Vormittag einige Gäste aufhalten. Darunter auch zwei junge Frauen, eine deutlich sichtbar schwanger oder womöglich sogar beide? Kann durchaus sein. Vor ihnen auf dem Tisch stehen zwei Tassen Kaffee und daneben ein Aschenbecher. Kein leerer Aschenbecher, und beide Ladies unterhalten sich angeregt, und der Rauch stiebt nach jedem Zug der Schwangeren ins Lokal. Deutlich gekennzeichnet als Raucher-Gaststätte
Muss ich dazu noch etwas sagen? Eigentlich ein Wahnsinn, wenn man das richtig bedenkt. Zum Rauchen kann man stehen wie man will aber wenn Schwangere rauchen oder sich auch nur öfters in Räumen aufhalten, in denen geraucht wird, dann züchten sie damit richtiggehend Feinde für ihr heranwachsendes Baby im Mutterleib. Kaffee, mäßig konsumiert, wird der Entwicklung des Embryos nicht unbedingt Schaden zufügen, doch zuviel davon ist ganz bestimmt schädlich, genauso wie Alkohol, sofern dem nicht nur ab und zu ein bisschen zugesprochen wird. Meine Burg gegen solches Tun? Finger weg von Zigaretten und auch vom Alkohol, sofern man schwanger ist!
Für Heranwachsende im Mutterleib gibt es wunderbare Burgen zu bauen. Viel Bewegung und vielleicht sogar Schwangerschafts-Gymnastik wären ideal, um nicht nur die Schwangere in Schuss zu halten, sondern auch dem Baby im Mutterleib genügend Sauerstoff zuzuführen und damit seine Entwicklung zu fördern. Über gesunde Ernährung als eine wunderbare Mauer bei unserer Burg brauche ich nicht extra Gedanken hinzuschreiben. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, und jede Schwangere, die ein bisschen Vernunft und Verantwortung für ihr Kind in sich trägt, die wird sich danach halten oder, sofern sie tatsächlich auf diesem Gebiet ein absoluter Laie ist, sich darüber informieren. Was nicht ganz selbstverständlich in dieser Phase ist und dennoch zur Dicke der Burgmauern beitragen könnte, das sind viele positive Gedanken, möglichst viel Lachen und sich, wo immer möglich, mit Freuden umgeben. Das wird sich bereits entscheidend auf eine harmonische künftige Gemütslage des Babys auswirken.
Vielleicht ist nicht nur mir bekannt, dass Kühe mehr Milch geben, wenn im Stall Musik zu hören ist. Nicht nur irgendwann einmal, sondern täglich und durchaus für längere Zeit. Kein Krach, kein allzu starkes Berieseln, eher dezent und doch gut vernehmbar. Mozart oder Beethoven, die Beatles oder wer auch immer, solche Klänge werden zu einer gesteigerten Milchproduktion auf dem Bauernhof beitragen. Aber auch einem im Mutterleib heranwachsenden Menschenkind könnten solche Klänge mehr als nur gut tun, wenn sich die werdende Mutter damit umgibt.
Andererseits könnten mit einem ausschweifenden Lebensstil der werdenden Mutter, mit Disco-Besuchen bis weit nach Mitternacht, mit Lärm und Krach, mit Stress und Hektik schon in dieser Phase für den heranreifenden Embryo viele Feinde gezüchtet werden. Doch auch Untätigkeit, wenig Lebensfreude, Sorgen, Ängste und kein freudvolles Erwarten der Geburt werden ganz bestimmt Schäden am Neugeborenen mit sich bringen.
***
Ab jetzt wird es zumindest für mich echt spannend. Weg mit den Genen, gegen die wir so und so machtlos sind, weg mit dem Embryo-Stadium und hinein ins Leben mit einem lauten Schrei. Damit auch hin zu den Burgen für die ersten so wichtigen Lebensjahre.
Orientieren wir uns an einigen Beispielen. Der Vater arbeitslos, die Flasche sein ständiger Begleiter, Wutausbrüche nicht nur gelegentlich, die finanzielle Situation des jungen Paares trist, die Mietwohnung klein, die Mutter jung und unerfahren und mit der Situation echt überfordert. Dazu keine Familienmitglieder, die zumindest ab und zu helfend einspringen könnten. Auf dem Tisch in der Wohnküche sieht man gefüllte Aschenbecher, aus dem Radio dröhnt ein Popsänger und übertönt das Geschrei des Babys, damit die Nachbarn nicht schon wieder die Fürsorge verständigen
Zugegeben das ist eine mehr als nur triste und hoffentlich kaum jemals zutreffende Situation für einen heranwachsenden Menschen. Wenn dazu noch schlechte Gene mit ins Leben kommen, dann könnte wirklich nur ein Wunder verhindern, dass dieses Leben den Bach hinunter läuft. Wer andererseits das Glück hat in einer Atmosphäre voll Harmonie, Freude, Hoffnung, Wärme und Zuversicht aufzuwachsen, und vor allem die ersten Lebensjahre in einem derartigen Milieu verbringen kann, der sollte mehr als nur dankbar dafür sein. Das Leben besteht aus unendlich vielen Erfahrungen, und speziell die ersten Erfahrungen prägen zumeist für den weiteren Verlauf des späteren Lebens.
Dazu einige Beispiele: Wer als Kleinkind das Pech hatte, von einem Hund angefallen und gebissen worden zu sein, der wir niemals mehr in seinem Leben die Angst vor Hunden verlieren. Nicht einmal mit Hilfe von Therapien wird diese Angst gänzlich aus der Seele eines Menschen zu vertreiben sein. Wer als Kind ins Wasser gestürzt ist oder hineingestoßen wurde und dabei beinahe ertrunken wäre, der wird ganz bestimmt seine Urlaube als Erwachsener nicht schwimmend am Meer verbringen oder in einem Schwimmklub Mitglied werden. So ist das nun einmal, und jeder, der etwas anderes behauptet, der irrt ganz bestimmt. Schlimme Erlebnisse in der Entwicklungsphase werden zu echten Feinden unseres späteren Daseins. Verprügelte Kinder werden ebenso seelische Schäden davontragen wie emotional vernachlässigte, denen wenig Liebe, Geborgenheit und Nestwärme entgegengebracht wurde, und bei vielen dieser dermaßen Geschädigten werden sich dadurch Hass und Abneigung gegen Mitmenschen, speziell aber gegen alle Arten von Autoritäten entwickeln.
Gibt es Burgen, die wir dagegen errichten können?
So wie die schlimmen Erfahrungen in uns weiter gären, ebenso tun das auch die guten und positiv erlebten Ereignisse. Das sind unsere Mauern, das sind die Türme und Schießscharten, und im besten Fall werden positive Empfindungen und tief greifende immer wieder von neuem unserer Seele wohltuende Erlebnisse so etwas wie der Wassergraben um diese unsere Burg sein. Eine Atmosphäre voll Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit in den ersten Kindheitsjahren wird nachwirken wie ein Kachelofen, den wir am Morgen anfeuern, und der uns bis spät in die Nacht hinein mit wohltuender Wärme auch an einem ansonsten fröstelnd kalten Wintertag versorgt. Wer das Glück hat, so eine Burg in der Kindheit entstehen zu lassen, der wird ein Leben lang davon zehren. Nicht einmal äußerst widrige Umstände werden diese Burg jemals gänzlich vernichten können, und irgendein Licht wird damit immer in uns leuchten, sosehr wir auch von momentaner Finsternis umgeben sein könnten.
***
Kommen wir zu einem gravierenden Punkt unseres Daseins, kommen wir zu unseren inneren Stärken und beschäftigen wir uns auch mit unseren mentalen Schwächen. Manche Menschen stehen wie gewaltige Urwaldriesen im Leben, andere wiederum werden bereits von mittelstarken Winden zerzaust und durchgebeutelt. Wie ist so etwas möglich?
Verantwortlich sind allein unsere psychischen Stärken oder Schwächen. Es nützt dem größten Lackel sein gewaltiger Körperbau wenig, wenn er innerlich ein Zwerg geblieben ist oder zu einem solchen erzogen wurde. Andererseits könnte ein mit kleinem Wuchs Bestrafter durchaus zu innerer Größe kommen, wenn der richtige Samen nicht nur in seinen Genen vorhanden ist, sondern auch im Verlauf seiner Entwicklung hin zum vollwertigen Menschen auf fruchtbaren Boden gefallen ist.
Keine Frage, der Große, körperlich Starke hat auch hier Vorteile mannigfacher Art, und allein seine baulichen Ausmaße werden dafür sorgen, dass er kaum jemals mit Gefühlen von Minderwertigkeit durch sein Leben gehen muss. Und doch gibt es Ausnahmen, sofern dieser körperlich bestens Gewachsene in einem seine Psyche schädigenden Milieu aufgewachsen ist, das der Entwicklung eines gesunden Selbstvertrauens immer wieder Prügel vor die Füße geworfen hat.
Der Kleine, körperlich Schwache wird kaum jemals aus diesem Fahrwasser mit behafteter Minderwertigkeit herauskommen. Es sei denn, er bekommt eine Hilfestellung von innen und außen, um diese Mängel zu kompensieren. Von innen dann, wenn er damit zu besonderem Ehrgeiz in vielen Bereichen seines Lebens angespornt wird, was manchmal außergewöhnliche Leistungen solcher Menschen zur Folge hat, wenn sie mit Verbissenheit um Erfolge in ihrem Leben kämpfen. Die Hilfe von außen und meine Burg für sie sind dann gegeben, wenn sie das Glück haben, sich mit materiellen Dingen einzudecken, sich einen finanziellen Wohlstand erarbeiten oder diesen Wohlstand für ein gesichertes Dasein von Vorfahren mit in ihr Leben bekommen haben.
Der Haken an der Sache ist der, dass Materielles vergänglich ist, Sorgen und Ängste oftmals mit Besitz und aus diesem Besitz resultierendes Ansehen verbunden sind. Dennoch wird ein Besitzender, aber innerlich Verängstigter besser im Leben stehen als ein mit Armut, Notstand und innerer Angst Bestückter.
Die Feinde eines gesunden Selbstbewusstseins sind schnell aufgezählt:
All das müssen wir zu diesen Feinden zählen, womit wir Niederlagen im Leben einstecken müssen, die uns kränken, und wo ein Gefühl des Versagens mit einher geht und sich in unserem Inneren breit macht. Wenn solche Situationen zu oft im Stadium unseres Heranreifens entstehen, wenn sich das Gefühl eines Verlierers, eines Losers immer nachhältiger in uns einprägt und uns auch von außen kaum geholfen wird, diese Situationen besser zu bewältigen, dann werden wir eines Tages ein Abbild des Jammers darstellen und mit hängenden Schultern und trübem Blick unseren Lebensweg beschreiten. Stützmauern für eine Burg könnten hier unsere Eltern sein oder Freunde, die uns Mut zusprechen und uns über mögliche Niederlagen hinweghelfen und trösten und es verstehen, neue Hoffnung in uns zu wecken, dass sich irgendwann doch noch alles zum Besseren hinwenden könnte.
Allerdings sind es zumeist solche Eltern, die uns in diesen Teufelkreis bringen, weil sie uns keinerlei Stütze in schwierigen Situationen sind, weil sie vielmehr uns und unsere Leistungen nörgelnd beurteilen und damit die Rutsche für eine anerzogene Minderwertigkeit legen. Kaum ein Mensch wird sich Zeit seines Lebens im Erfolg sonnen können, und ich wage sogar zu behaupten, dass sehr viele von uns immer wieder mit Niederlagen in allen möglichen Bereichen ihres Daseins zu kämpfen haben werden. Glücklich der, der sich auf Grund innerer Festigkeit und im Verlauf von vielen Jahren angehäufter Stärke aus miesen Lebenssituationen herausmanövrieren kann. Möge kommen, was immer auch das Schicksal mit sich bringt. Das ist die Burg, die wir mit Hilfe unserer Umwelt aufbauen können und von klein auf Stein um Stein auf die Mauern gelegt bekommen, die später einmal diesen gewaltigen und unüberwindlichen Wall für alle Feinde darstellt, ohne Chance, dieses Vertrauen in uns selbst jemals zur Gänze auszulöschen.
Die Natur selbst hat für vom Leben nicht allzu gut ausgestattete Erdenbürger allerdings von sich aus eine wunderbare Burg errichtet. Einen Wall, der nicht zulässt, dass diese Menschen ob ihrer nicht allzu guten Anlagen und Voraussetzungen, Großes im Leben leisten zu können, mit dem Gefühl von Minderwertigkeit durch ihr Dasein wandern müssen. Der innere Schutzmechanismus lässt sie diese Schwäche nicht erkennen, oftmals nicht einmal erahnen, und vielfach brennt das Feuer von Lebensfreude in solchen Menschen höher als bei wahren Genies, die mit besten Gaben ausgestattet wurden und dennoch sehr oft an sich und ihrem Leben zweifeln, wofür ihr mit großer Sensibilität ausgestatteter Geist und ihre äußerst sensible Gefühlswelt verantwortlich zeichnen.
Der eher stumpfe Geist und die nicht allzu ausgeprägte Gefühlswelt vieler Erdenbürger sind demnach echte Schutzwälle und Burgen, um Feinde wie Angst, Nervosität und Zweifel an sich selbst und der Frage nach dem Sinn des Lebens von sich abzuhalten. Das beste Beispiel geben uns durchaus noch existierende Urvölker, die in einfachster Form ihr Dasein auf diesem Planeten abspulen mit innerer Glückseligkeit und einer nicht wie in westlichen Wohlstandsregionen oftmals nur vorgetäuschten und künstlich erzeugten Lebensfreude.
Darüber ließe sich einiges hinschreiben, und vermutlich würde die Diskussion darüber, ob ein einfaches, bescheidenes Leben glücklicher machen kann als ein Leben im Überfluss und Wohlstand, kaum zu einem auch nur halbwegs anerkannten Ergebnis führen. Mit solchen Fragen würden wir vom Hundertsten ins Tausendste kommen, ohne vermutlich eine passende Antwort zu finden. Für mich scheint es jedoch sicher zu sein, dass Menschen mit einfachen Lebensformen in einem natürlich gesicherten Lebensraum glücklichere und zufriedenere Zeitgenossen sind als all jene, die in einem ausschweifenden Lebensstil ihre immer stärker werdende Vergnügungssucht befriedigen wollen.
Wer mit einem relativ stabilen Körper bestückt ist, dazu mit einem Geist, der nicht allzu große Anforderungen an sich selbst und an seine Umwelt stellt und außerdem eine nicht allzu sensible Gefühlswelt aufweist der hat beste Aussichten auf eine möglichst gute Lebensbewältigung. Allerdings werden in so einem Leben sowohl die absoluten Höhen fehlen und auch Gräben der Finsternis und des Schreckens kaum jemals durchschritten werden.
Nicht umsonst lautet ein Sprichwort: Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten!
Höhen bringen also auch Tiefen mit sich. Das ist ein Naturgesetz, und im Umkehrsinn gesehen gibt es keinen Schatten ohne dazugehörendes Licht! Echte Lebensfeinde bedingen daher ein Dasein sowohl im oberen als auch im unteren Bereich aller möglichen Lebensformen. Ein Leben in Armut und Elend wird ebenso viele Feinde mit sich bringen wie das auch ein Leben im Überfluss durchaus imstande ist zu tun. Auch wenn bei dieser meiner Behauptung bei einigen vielleicht Zweifel entstehen könnten. Welche Feinde sollte es bei einem Leben in Wohlstand und Überfluss geben?
Da brauche ich nicht lange nachzudenken, und als erstes fällt mir bei Überfluss sofort das beinahe gleich lautende Wort Überdruss ein. Überfluss bedingt tatsächlich Überdruss! Das kann man wenden wie man will, es wird nicht anders werden, und dieser Überdruss kann niemals zu einem glücklichen, besinnlichen und beschaulichen Leben führen!
Dasselbe gilt für die Armut, das Schreiten durch Täler der Kälte und der Dunkelheit, sofern diese Armut mit einem körperlichen und geistigen Verfall einhergeht und dazu Gefühle von Angst, Verzweiflung und innerer Not vorhanden sind.
Allerdings gibt es für unseren Begriff Armut auch Menschen, die sind reich, weil sie arm sind und mit sozusagen leichtem Gepäck des Weges schreiten, ohne viele Lasten und Mühen. Frei und unabhängig vom Mammon mit Gedanken, die klar wie eine frisch sprudelnde Quelle durch ihren Kopf rieseln. Durch ihre Verbundenheit mit der Natur und dem sich Erfreuen an der Vielfalt und der unendlich zu bestaunenden Wunder des Planeten erkennt man solch Begnadete oftmals an ihrem gesicherten Gang durchs Leben, behaftet mit einem nach innen gerichteten Lächeln.
Bei solchen Wesen gibt es keine Burgen zu errichten, die sind selbst Burgen. Meist leben solch beneidenswerte Menschen in Klöstern oder in den Weiten des Himalajas, und wenn ihre Gebete und Gesänge ertönen oder der Klang ihrer Gebetstrommeln sich mit dem Wind vereint, dann ist für manchen Betrachter tatsächlich eine göttliche Allmacht zu erahnen. Eine Allmacht, die alles auf diesem Planeten und im unendlichen Universum bestimmt und regelt.
Das sind philosophische Betrachtungen, ich weiß, dennoch wollte ich ein bisschen auch darüber reden, wenn wir über Burgen des Lebens nachdenken und über mögliche Feinde, die unser Dasein bedrohen.
***
Die äußeren Mauern unserer Burg stehen bereits, unser Erbgut im Aussehen und die in uns angelegte Struktur, was Geist, Psyche, Motorik und Nervenkraft anlangt sind fest verankert. Außerdem haben die Ereignisse, Erlebnisse, Erfahrungen in der Kindheit bereits prägenden Charakter angenommen und unter Mitwirkung des uns umgebenden Milieus sind wir herangereift zu jener Phase, in der die Ablösung von einer allzu engen familiären Bindung erfolgt, ja sogar erfolgen muss, um den Gang durchs spätere Erwachsenen-Dasein mit eigenen Beinen zu schaffen.
Dieser Ablösungsprozess bringt eine richtige Revolution mit sich. Einen oftmals gewaltigen Prozess von innerem und äußerem Widerstand gegen all das, was uns bis jetzt allzu eng umfasst hat und uns keinerlei eigene Entscheidungsfreiheit in beinahe allen Angelegenheiten unseres Lebens ermöglichte. Bis hierher waren wir Gefangene unserer engsten Umwelt, waren wir Befehlsempfänger unserer Eltern, vieler Erwachsener und auch unserer Schullehrer. Dieses allzu enge Korsett gilt es jetzt zu sprengen, ohne die bis jetzt gemachten positiven und auch negativen Erfahrungen zur Gänze abschütteln zu können. Die schleppen wir weiter mit, sind uns Stützmauern oder andererseits auch Feinde.
Was bei echten Revolutionen vor sich geht und immer wieder vor sich gegangen ist, das wissen wir. Da werden Mauern niedergerissen, da wird verändert und nach neuen Möglichkeiten gesucht. Da gibt es manch schmerzhaftes Verabschieden, manch gegen jede Vernunft scheinenden Entschluss und das stete Suchen nach neuen Verbindungen, mit deren Hilfe angestrebte Ziele verwirklicht werden können.
Das ist die Phase, in der Eltern oftmals ihre Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sich die Haare raufen, weil das ins Leben gesetzte eigene Fleisch und Blut der Nachkommenschaft wahre Kapriolen unverständlicher Aktivitäten setzt und vielfach nicht nur Kopfschütteln und Unverständnis erzeugt, sondern hin und wieder sogar merkliche Schäden mit sich bringt. Diese Phase des Widerstands gegen die Obrigkeit, gegen die Welt der Erwachsenen bringt auch Verletzungen innerer und äußerer Art mit sich, und es bedarf einiges an Wissen um die Situation und das damit einhergehende Verständnis von Eltern und Umwelt, um einigermaßen heil diese Jahre für alle Beteiligten überstehen zu können.
Doch nicht nur Eltern und direkt Betroffene, auch Psychologen oder Psycho-Therapeuten suchen in solchen Phasen manchmal eher ratlos nach gangbaren Wegen, um diesem Prozess des Aufbruchs und des Abschüttelns aller Fesseln einigermaßen gesichert die Stirn bieten zu können. Das ist von der Natur so angelegt. Die Ketten müssen hier gesprengt werden, und wem das nicht gelingt, der wird als ständigen Begleiter eine kindhafte Untertänigkeit als Klotz an seinem Fuß in seinem weiteren Leben mit sich schleppen. Und dieser Klotz wird sich in vielen Dingen als echter Feind erweisen.
Wir sprechen hier jedoch in erster Linie von Burgen, und die große Chance, in dieser Phase eine gewaltige innere Burg zu errichten, ist durchaus gegeben. Dann, wenn es der- oder diejenige schafft mit neuer Kraft und Energie aus diesem inneren und äußeren Umbruch heraus zu steigen, wie einst die Sphinx aus der Asche. Damit ist erstmals die Situation eingetreten, Herr über seine eigenen Wünsche und Vorstellungen zu sein oder zumindest zu versuchen, diesem Wunsch zu einer Erfüllung zu verhelfen.
Nicht alle frisch ins Erwachsenen-Dasein Geschlüpften werden es allerdings schaffen, sich ab jetzt mit gewaltigen Mauern zu umgeben. Vor allem die nicht, die körperlich, geistig oder auch psychisch Schwächen aufweisen, die über normale Unzulänglichkeiten hinausgehen. Und doch ist diese Zeit von der Natur aus vorgesehen, in allen drei Positionen weiter an Stärke zuzunehmen, um noch vor dem 30. Lebensjahr in den Vollbesitz seiner Kräfte zu gelangen. Das ist auch die Zeit für Familiengründungen, das ist die Zeit, einen geeigneten Job zu finden für einen möglichst gesicherten Verlauf des Lebens, das ist die Zeit, um bereits innerhalb seiner Burg mit Schwung über den Turnierplatz zu sprengen und sich mit anderen Zeitgenossen zu messen.
Mögliche Feinde sind schnell aufgezählt: Überehrgeiz mit zu viel Wollen, verbunden mit Stress und Erfolgssucht, der vielleicht für die nächsten Jahre zu Wohlstand und Ansehen verhilft, aber mit Raubbau verbunden ist. Raubbau an den Nerven, Raubbau an Leib und Seele und Raubbau oftmals auch an mitmenschlichen Beziehungen, Vernachlässigung von Freundschaften und einem immer stärkeren Verstricken in Abhängigkeiten aller möglichen Arten. Das ist die Phase des Drängens in gute und beste Positionen, das Raffen und Schaffen mit Workoholik-Effekt, wo nur noch eines zählt: Erfolg. Und den möglichst auf allen Ebenen, beruflich und auch privat.
Dabei handelt es sich um mehr als nur das Sprengen über den Turnier-Innenhof. Da wird zum Teil echt gekämpft und bis an die Grenzen der Leistungsfähigkeit gegangen. Siege werden errungen, aber vielfach gibt es auch Niederlagen einzustecken, und nicht wenige dieser Kämpfer liegen nach einigen Jahren am Boden, kaum fähig, sich nochmals richtig aufzurappeln.
Die Kariere hat bei solchen Menschen absolut Vorrang vor allen anderen Verlockungen, die sich in dieser Zeit der Blüte auftun, und die Ellbogen sind abgestoßen vom oftmaligen Gebrauch, um zügig vorwärts zu kommen. Manchmal gelingt alles und die Sonne scheint diesen von anderen Beneideten scheinbar wunderbar in ihrem von Erfolg gekrönten Dasein, viele bleiben jedoch bei diesem Wettrennen auf der Strecke und flüchten noch vor dem Erreichen des Zieles mit Anflügen von Resignation in ein Stadium mit burn-out-Syndrom, weil sie sich ganz einfach zu viel zugemutet haben oder nicht die Konstitution besitzen, um den ständig hohen Anforderungen oder vielfach sogar Überforderungen standzuhalten.
Dennoch wird es kaum Alternativen geben. Wer nicht das Glück hat, finanziell auf Rosen gebettet zu sein und sich erst mit viel Aufwand eine geeignete Bleibe schaffen muss und dazu einen Job, von dem sich auch einigermaßen sorgenfrei leben lässt, der wird wohl oder übel in diesem Wettbewerb hin zum Erfolg mitmachen müssen. Es sei denn, er oder sie verzichtet freiwillig auf all das, was wir als Erfolg bezeichnen und beschließt, bescheiden und ohne große Ansprüche sein Dasein abzuspulen. Ohne Hetzjagd, ohne Nervenverschleiß, ohne berechnendes Lächeln, ohne Buckeln nach oben und Treten nach unten.
Solche Menschen schaffen sich zwar keine finanziellen Burgen mit Wohlstand, Ansehen und weitgehend gesicherter Existenz für das irgendwann nahende Alter, ihre Burg besteht vielmehr aus inneren Werten, aus Verzicht und sehr oft aus einem Leben in einfachster Bescheidenheit, um nicht zu sagen einem Leben an der Grenze hin zur materiellen Armut mit dennoch innerer Zufriedenheit.
Arme und vom Leben Gezeichnete gibt es auch in Wohlstandsregionen zur Genüge, deren Stützmauern bestehen oftmals aus dem täglichen Überlebenskampf mit Hilfe von kleinen Freuden, die ihnen das Leben dort und da beschert. Ein bisschen Ablenkung, ein bisschen Flüchten in eine heilere Welt zumindest für einige Stunden mit Hilfe von Stoffen, die die Sinne vernebeln und so das Leben kurzfristig schöner erscheinen lassen. Zum Glück gibt es solche Stoffe für diese Menschen, um sie dann und wann herauszureißen aus ihrem doch eher beschissenen Dasein.
Ohne Alkohol, ohne Zigaretten, ohne sinnliche Freuden im erotischen Bereich würde wohl kaum jemals ein von einem schweren Schicksal Betroffener diesem Druck standhalten. Allerdings bin ich nicht sicher, wer im Grunde seines Herzens der Glücklichere ist: Der Top-Manager mit prall gefüllter Brieftasche, nach unten gezogenen Mundwinkeln, versteinerter Miene und in Aktienhochs und ebensolchen Tiefs verstrickt, mit Luxuslimousine und vielleicht sogar Privatjet oder der Kartonsammler in Buenos Aires, der mit seinen Kindern die Abfälle durch die Nacht zu seiner Wellblechhütte karrt, eine Flasche an den Mund führt, müde auf seine Stahlrohrpritsche fällt und sich zu Mittag von seiner glutäugigen Partnerin wecken lässt.
Seine Burg ist die Gemeinschaft, das Zusammensitzen mit Gleichgesinnten. Seine Mauern bestehen aus Gesängen und dem Schimpfen über das beschissene Leben, das Pfeifen eines Liedes und dem Lachen seiner Kinder, die sich mit dem Hund vor der Hütte balgen. Der Top-Manager? Auch der pfeift, allerdings nicht mit gespitzten Lippen die Melodie eines Liedes. Der pfeift aus der Lunge, und auch das Lachen ist ihm nicht fremd, das dringt hin und wieder an sein Ohr. Im Club, wenn die Schönheiten kichern, weil er den einen oder anderen Schein aus der Tasche zieht und den Ladies ins Dekollete steckt.
***
Eine echte Burg fürs ganze Leben mit gewaltigen Mauern, wunderbaren Türmen und all dem, was zu einer kaum jemals zu erstürmenden Burg gehört ist eine funktionierende Familie in einem möglichst großen Umfang. Je größer desto besser. Mit etlichen Verwandten und im besten Fall in einer Anzahl mit mehreren Generationen, die dieses Bollwerk ausmachen. Auch dann wird diese Burg eine ganz gewaltige sein, wenn nicht immer alles Eitel und Wonne ist, was sich innerhalb dieser Burg abspielt. Doch das Gefühl der Verbundenheit und die gegenseitige Hilfe in brenzligen Situationen geben dieser Burg den notwendigen Halt gegen jeden feindlichen Angriff von außen.
Ich weiß, das sind Wunschträume, die in unserer heutigen schnelllebigen Zeit mit Selbst-Verwirklichungs-Tendenzen in hohem Ausmaß kaum noch der Realität entsprechen. Leider, muss ich wohl sagen. Doch hin und wieder kann man solche Burgen sehen und die damit Beglückten bewundern. Wenn zum Beispiel eine Familie aus dem Ausland zuzieht und diese Menschen ob ihrer Probleme wie Pech und Schwefel zusammenhalten und sich zusammenrotten gegen alle Unbill, die das Leben in der Fremde an sie heranträgt. Da werden Burgen errichtet, da gibt es diesen Spruch der Musketiere, mit dem schon zur Zeit der französischen Revolution scheinbar Unmögliches möglich gemacht wurde, wenn es hieß: Einer für alle, alle für einen!
Not verbindet, der Wohlstand trennt!
Je besser es den Menschen finanziell geht desto eher neigen sie dazu, den Nächsten zu ignorieren oder herabzuwürdigen. Man braucht ja keine Mitmenschen mehr, man hat doch Geld und Ansehen, Einfluss und Beziehungen. Jeder fühlt sich selbst allein stark genug, dem Leben nicht nur zu trotzen, sondern sich ganz gezielt die Rosinen aus dem von allen Seiten dargebotenen Kuchen zu picken. Teilen, Mitleid, Gefühle für die, denen es nicht so gut geht wo kämen wir mit solchen Gedanken hin? Uns hat doch auch keiner etwas geschenkt
Diese Einstellung vieler unserer Wohlstandsbürger bringt eine Vielzahl von Feinden mit sich. Nach außen sind solche Feinde kaum zu erkennen, doch im Inneren dieser Menschen wird eher Dunkelheit vorherrschen, und vielfach werden die Moral und der Anstand zu einer wahren Kloake verkommen sein, oftmals mit Gefühlen der Unlust und des Überdrusses verbunden, und die Augen werden kalt und glanzlos diesen inneren Zustand widerspiegeln.
Doch es gibt zum Glück auch noch andere Erfolgreiche, und die werden diesen ihren Erfolg nützen, um eine Burg für sich und die Ihren zu errichten, den inneren Anstand bewahren und versucht sein, ein gesittetes und Gott gefälliges Leben zu führen. Sie werden versuchen, Armen und Schwachen und vom Leben Gebeutelten da und dort helfend unter die Arme zu greifen, dankend für ihr geglücktes Leben und mitfühlend mit all jenen, denen es nicht so gut geht!
***
Ein großes Anliegen von mir ist der nächste Abschnitt, für den viele unserer Mitmenschen speziell in unserer Wohlstandsgesellschaft feste Mauern brauchen könnten. Wenn es darum geht, Befestigungen zu errichten und zu erhalten, damit einst geschlossene Ehen nicht bereits nach wenigen Jahren wieder auseinanderdriften wie Wolken, denen der Wind zu so einem Tun verhilft. Warum ich hier das Beispiel von den Wolken und dem Wind nehme? Weil auch bei scheiternden Ehen in den meisten Fällen Stürmisches dafür verantwortlich ist, die Partner auseinander zu treiben und einst auch große Gefühle füreinander zum Verebben zu bringen. Wie im Grunde genommen beinahe alles zum Vergehen bestimmt ist. Da bilden Gefühle keine Ausnahme, und so wie Schmerzen, sofern sie nicht chronisch an uns nagen, zum Glück wieder vergehen oder Blumen verblühen, ein noch so schöner Tag am Ende der Nacht weichen muss, genauso verblassen auch Gefühle von Liebe und Leidenschaft irgendwann. Hin und wieder kommt es allerdings auch vor, dass aus einst eher lauen Banden mit der Zeit tiefe und tiefste Gefühle füreinander entstehen können.
Was Ehen betrifft, so verhält es sich jedoch zumeist umgekehrt. Das kennen wir alle und glücklich die, bei denen die einst starken und leidenschaftlichen Gefühle füreinander sich nicht gänzlich verflüchtigen, sondern in ein sich Akzeptieren, Mögen und Verstehen umschwappen und damit den Partner wieder freigeben für einen weitgehend eigenständigen Empfindungs- und Gefühlsbereich. Den es in Zeiten des starken Verliebt-Seins nicht gegeben hat, wo man vor Sehnsucht nach dem anderen beinahe vergangen ist, und durch das nicht nur gefühlsmäßige Aneinander-Kleben jedes Ich dem Du untergeordnet war.
Die Gefühle sind verebbt oder verblasst und plötzlich tauchen neue Gefühle auf. Ein Mensch tritt in unser Leben, der für diese neuen Gefühle sorgt. Schicksalhaft oder zufällig, am Arbeitsplatz, im Club, im gemeinsamen Bekanntenkreis, bei einer Tagung, im Urlaub oder wo auch immer. Wer seine Ehe nicht gefährden will, bei dem sollten sofort die Alarmglocken nicht nur läuten, so ein Mensch sollte ganz bewusst den Anfängen wehren, bevor es zu spät ist. Für mich ist die Situation ähnlich einer infektiösen Erkrankung, die nur dann abzuwenden ist, wenn man mit den ersten Anzeichen sofort und energisch Gegenmaßnahmen ergreift. Denn wer einmal richtig infiziert ist, der wird sich nicht mehr aus diesem Dilemma befreien können.
Ich sage das hier als Betroffener, ja sogar als schwer Betroffener und weiß, wovon ich spreche. Ein stark Infizierter kann sich noch so sehr wünschen, nicht krank zu sein, er hat keine Chance, das zu ändern! Und nur starke und stärkste Medikamente könnten evtl. diesen Zustand zumindest lindern helfen. Wer sich als Verheirateter oder in einer festen Partnerschaft Lebender in der Mitte seines Lebens nochmals echt stark in einen fremden Partner verliebt, für den wird die nächste Zeit zu einer Hochschaubahn der Gefühle werden. Mit all dem, was zu so einem Auf und Ab gehört. Mit Höhen und Tiefen, Lügen und Betrügen, Hoffen und Bangen, Jauchzen und Weinen und dem Gefühl, fremden Mächten total ausgeliefert zu sein.
Ich bin der Letzte, der solche von neuen Gefühlen Übermannte verteufelt, weil ich weiß, wie hilflos die davon Betroffenen diesen Mächten voll Erotik und Leidenschaft ausgeliefert sind. Wo die Vernunft keine Chance hat, sich gegen die Lawine durchzusetzen, mit der Infizierte förmlich zu Tal rasen, bis diese Lawine irgendwann und irgendwo zum Stillstand kommt. Eine Lawine, die bei vielen betroffenen Familien zumeist großen Schaden anrichtet. Wo Existenzen vernichtet werden, einst gemeinsam Errichtetes unter den Hammer kommt und das höchste gemeinsame Gut am meisten unter dieser Katastrophe zu leiden hat: Kinder, die aus dieser einst wunderbaren Verbindung hervorgegangen sind.
Sie stehen mit rotgeränderten Augen vor dem familiären Erdbeben und können es nicht fassen, wie dämlich die Erwachsenen sein können, und der Hass auf die Verursacher wird in ihren Herzen ebenso wüten wie die Liebe dies noch immer tun wird, wenn Trennungen vollzogen werden, wenn Anwälte und Gerichte sich einmischen und keiner der Betroffenen ohne Schrammen davonkommt. Im besten Fall mit Schrammen, im schlechtesten Fall mit tiefsten inneren Verletzungen und dem einem Erdbeben gleichen Zusammenstürzen aller einstigen harmonischen Familienbanden. Verwandte werden zu Feinden, gute Bekannte und Freunde wenden sich ab, es kracht und das Feuer von Unverständnis und Abneigung lodert zum Himmel. Die einzigen, die von solchen alle Betroffenen schädigenden Situationen profitieren sind die Anwälte. Die reiben sich nicht selten die Hände und hetzen die Streitenden sehr oft in weitere Prozesse, in denen es vornehmlich um finanzielle Dinge, und natürlich auch um die zukünftigen Rechte den Scheidungswaisen gegenüber geht.
Burgen dagegen?
Ich muss ehrlich gestehen, dass ich hier hilflos bin. Gegen die stärksten Gefühle, die der Mensch ins Leben mitbekommt, gegen die ist bis jetzt noch kein Kraut gewachsen. Das einzige, das die Situation vielleicht ein bisschen lindern helfen könnte, ist das Wissen um diese Mächte und damit verbunden das Bemühen, den Betroffenen und Verursachern dieses Dilemmas Hilfe nicht in Form von Appellen an die Vernunft, ständigen Vorhaltungen über ihr verwerfliches Tun oder mit Androhung rechtlicher Schritte zukommen zu lassen, sondern Versuche zu starten, bei denen Toleranz und Verständnis zumindest nicht ganz unter den Tisch gekehrt werden. Hin und wieder gelingt es damit sogar diese Phase der Disharmonie und der Gefährdung der Ehe mit nicht allzu großem Schaden zu überstehen, sofern der Karren noch nicht allzu sehr verfahren ist.
Ein Wort noch zu solchen Gefühlen außerehelicher Art: Arm und zugleich auch reich der oder diejenige, die es auf diese Weise erwischt. Sie werden sowohl durch den Himmel als auch durch die Hölle marschieren. Bis auch das eines Tages zu Ende sein wird
Für die Kinder allerdings muss es eine Lösung geben, mit der alle leben können. So schwer die auch zu finden sein wird, um den angerichteten Schaden zumindest zu lindern. Und doch gibt es Fälle, wo mit solchem Tun nicht nur ein neuer Acker bestellt wird, sondern wo im besten Fall auch durchaus erntenswerte neue Früchte für alle Betroffenen darauf hervor sprießen.
***
Damit haben wir die Mitte des Lebens erreicht oder sogar bereits überschritten, und wir nähern uns dem Herbst und der Phase, wo erste Gedanken an den Winter kommen. Mit Vorsorge und Einlagern der Lebensernte für die Zeit der Kälte und des Vergehens
Glücklich die, denen es gelungen ist, ihre Burg stabil zu halten, Angriffe von außen erfolgreich abzuwehren, gelegentliche Schäden am Mauerwerk auszubessern und auch das Innere der Burg lebenswert erhalten zu haben. Mit Grünen und Blühen, mit einem Brunnen, aus dem noch immer klar und frisch das Wasser hochgezogen werden kann, und wo auch die Vorratskammern und deren Inhalt nichts zu wünschen übrig lassen. Burgen, in denen eine Atmosphäre der Ruhe und des Friedens vorherrscht und auch genug Raum gegeben ist, sich zurückzuziehen, um still, besinnlich und dankbar für ein weitgehend erfülltes Leben solchen Gedanken nachzuhängen.
Die Feinde lasse ich hier absichtlich weg, und ich will gar nicht daran denken, dass es auch unzählige Menschen gibt, die durch Krankheit, Unglücksfälle, durch eigenes oder schicksalhaftes Verschulden irgendwann vor den Trümmern ihres Lebens stehen, ohne Chance, dies jemals wieder ändern zu können, und wo als einzige Hoffnung im Raum schwebt, dass sich womöglich in einem anderen, neuen Leben wieder alles hin zum Besseren wendet. Sofern es diese Art von Wiedergeburt tatsächlich gibt und sich Elend und Not in wunderbarer Weise exakt ins Gegenteil verkehren
***
Als Abschluss zum Kapitel Burgen will ich auch noch einige Gedanken zu jener Art von Burgen hinmalen, die wir in unserer heutigen und vor allem künftigen Zeit durchaus benötigen werden.
Früher waren es die am Anfang beschriebenen Burgen gegen anstürmende menschliche Feine. Doch auch in Zukunft werden wir Burgen, Schutzwälle und Befestigungen mannigfacher Art benötigen. Nicht, um uns vor Menschen zu schützen, sondern vor vielen Arten von Umweltkatastrophen. Vor sintflutartigen Überschwemmungen, vor Erdrutschen und Erdbeben, Hurrikans und Taifunen, Zunamis und all den anderen von der Natur selbst konstruierten Verwüstungen, die unser Leben gefährden. Wir werden unsere Burgen in Regionen erbauen müssen, wo wir weitgehend vor solchen Gefahren sicher sind. Wirkliche Burgen mit echten Befestigungsmauern, erdbebensicher und gesichert auch vor Überschwemmungen und Erdrutschen. Burgen, denen auch gewaltige Stürme nichts anhaben können, und wo wir uns deshalb vielleicht hin und wieder sogar in Höhlen zurückziehen müssen. Nicht in natürliche Höhlen, sondern in von Menschen konstruierte Bunker, in denen ein Überleben der Menschheit gesichert werden könnte.
Gesichert nicht nur vor Naturkatastrophen, gesichert auch vor von Schäden, die Menschen anrichten durch Strahlen, durch Verschmutzen der Umwelt, durch Verpesten der Luft und Vergiften des Wassers und möglicher damit einhergehender Epidemien oder im schlimmsten Fall von den ganzen Planeten bedrohenden Pandemien, die in der Lage sind, die Menschheit hinwegzuraffen.
Wenn es dazu auch gelingt, die inneren Burgen wieder zu stärken, wenn wieder Treue, Verlässlichkeit, Mitgefühl, Anstand, Demut, Dankbarkeit, Sitte und Moral in diesen Burgen Einzug halten, dann könnte es gelingen, die Menschheit zu retten und an ein gutes Ende dieses Planeten zu glauben
***
Mein utopischer Roman Himmels-Boten bringt einiges dazu ans Tageslicht. Auszüge davon sind in meiner homepage zu ersehen.