Echt teuflisch geht es manchmal zu im Leben. Wahrlich und tatsächlich. Früher hab ich mir über manches unerwartete Geschehnis in meinem Leben zwar auch manchmal den Kopf zerbrochen, vor allem, wenn es eher Negatives für mich war mit der Frage: Wie konnte mir das nur passieren? Doch nach etlichen Stunden oder auch Tagen war es dann vorbei. Aus und vorbei! Geschehen ist geschehen. Sofern es sich nicht um etwas wirklich mein Leben Veränderndes gehandelt hat, war es vorbei. Geschieht doch Vieles in unserem Leben immer wieder, was nicht in unseren Alltag passt, uns beunruhigt, ärgert, Sorgenfalten auf unsere Stirn presst und alles andere als Freude in unser Leben bringt. Auch wenn die Sache bereits wieder vorbei ist über dieses Erlebnis mit dem Sturz wollte ich als Abschluss dennoch einige Gedanken hinschreiben. Vielleicht unter dem Motto: Ein bisschen zum Nachdenken
Zu den Fakten.
Was ist passiert? Freitag, früher Nachmittag. Bin soeben vom Tennis heimgekommen, die Sonne lacht gelegentlich zwischen den Wolken hervor. Eigentlich will ich einen Spaziergang zum nahen Wald machen, um am Waldrand die Strahlen ein bisschen auf mich einwirken zu lassen. Beim Heimfahren sehe ich, dass die Loipe gleich in meiner Nähe bereits präpariert ist. Wunderbar, denk ich mir. Daheim angekommen in die Garage, die Langlauflatten präpariert mit frischem Gleitwachs, umziehen und ab die ca. fünf Minuten zu Fuß zur Loipe. Dort angekommen, die Schi angeschnallt und ein bisschen Ärger bereits da, weil ich nicht und nicht in die Bindung kommen will. Der Schnee unter den Schuhen geht kaum weg, obwohl ich versuche, ihn mit den Stöcken abzuklopfen bzw. wegzubringen. Endlich klappt es. Wunderbar. Ich laufe gemächlich weg, obwohl sehr wenig Schnee vorhanden ist und immer wieder kleine Erdflecken durch den Schnee schauen. Von Maulwurf-Hügeln. Mit schwarzer Erde. Die umfahre ich, so gut es geht. Nach ca. 100 Metern überquere ich einen Fußweg, der die Loipe kreuzt. Ich bin guten Mutes, freu mich auf die neue Langlaufsaison, sauge das Weiß genussvoll in mich blicke nach vor und tauche mit Doppelstockschüben an
Was soll ich sagen?! Schneller als ich auch nur denken kann, ists passiert. Beim Anschieben mit den Stöcken bleibe ich mit beiden Schien auf einer vermutlich aperen Stelle, die ich übersehen hab in meiner Vorfreude, weil ich schon nach vorne geschaut habe, stecken. Total stecken und es haut mich mit voller Wucht nach vor. Mitten aufs Gesicht. Oder besser gesagt auf meine rechte Oberlippe. Es kracht dabei richtig und ich hab keine Chance, meine Hände schützend nach vor zu geben. Die sind noch vom Antauchen hinter meinem Körper. Das einzig Gute, was mir noch gelingt, ist, den Kopf noch ein bisschen zu drehen, so dass ich nicht auf die Nase pralle. Die wäre mit Sicherheit bei diesem Crash zu Bruch gegangen. Benommen liege ich auf dem eisig gefrorenen Boden im Schnee. Ich hab schon etliche Stürze in meinem Leben hinter mich gebracht. Die meisten bei diversen Schi-Abfahrten, einige auch als Kind mit dem Rad und natürlich auch bei den Weitenjagden auf unseren selbst erbauten Schanzen. Da hab ich auch hin und wieder einen ordentlichen Bauchfleck gemacht, ohne dass ich mich dabei jemals ernstlich verletzt hätte. Hautabschürfungen und Prellungen hab ich damals noch eher locker weggesteckt. Obwohl manchmal echte Voll-Brezn dabei waren mit allen Optionen: Von querschnittgelähmt über Knochenbrüche bis hin zum Beenden dessen, was wir Leben nennen, hätte dabei alles passieren können. Das sage ich hier keinesfalls leichtfertig vor mich hin. Vielleicht schreibe ich einmal ausführlich über alle wirklich schrecklichen Stürze in meinem Leben. Die sind unauslöschlich in mir abgespeichert und wirken vielleicht bis heute noch körperlich und vor allem seelisch nach. Nehme ich zumindest an. Vor allem seelisch können solche Unfälle echten Schaden anrichten. Doch das weiß ich erst, seitdem ich mich in letzter Zeit mit Lebens-Unfällen beschäftige. Vor allem auch mit psychischen Lebens-Unfällen.
Weiter zum Hier und Jetzt: Es kracht also fürchterlich, ich liege benommen am Boden und mein Herz pocht heftig. Rapple mich nach dem ersten Schreck etwas hoch, knie mich hin, spucke das im Mund angesammelte Blut aus und befürchte vor allem eines: Einige Zähne werden wohl weg sein. Ich streife die Handschuhe ab und fahre mit den Fingern vorsichtig in die Mundgegend, atme tief durch, kann aber keine Lücke feststellen, während sich der Boden unter mir rot färbt, und ich erst jetzt den Schmerz so richtig spüre. Wer jemals mit voller Wucht sich den Kopf irgendwo angestoßen hat, dem brauche ich das jetzt nicht zu erklären. Solche Menschen wissen, wie das Gefühl ist, wenn es im Kopf hämmert und noch immer zu krachen scheint. Dazu brennen mich die Lippen, ich greife zu einer Hand voll Schnee und drücke ihn an meinen Mund, spucke zwischendurch das Blut immer wieder aus und stehe nach einiger Zeit auf, sehe mich um, blicke nach vor und fühle mich schlecht. Sehr schlecht und total hilflos und verlassen. Vom Glück verlassen, obwohl ich meine Zähne noch zu haben scheine und obwohl ich mir auch die Nase nicht gebrochen habe oder das Schlüsselbein oder
Kein Mensch außer mir auf der Loipe. Nur ein paar Spuren im Schnee. Langsam setze ich mich nach einer kleinen Weile wieder in Bewegung. Ganz langsam gleite ich dahin. Beide Stöcke in meiner linken Hand, mit der rechten drücke ich das kalte Weiß an Mund und Wange. Ich atme ruhig und spüre ganz deutlich, dass mir dieser Sturz viel Substanz gekostet hat. Körperlich und noch mehr seelisch. Und während ich so durch den Schnee gleite, kommen zum ersten Mal Gedanken in mir auf: Warum ist das passiert?
Über das Wie? bin ich mir auch nicht sofort im Klaren. Vielleicht habe ich zu wenig Acht gegeben auf diesem Weg, der die Loipe quert. Obwohl ich meines Erachtens eher vorsichtig diesen Weg überquert habe. Und doch, ich bin auf ein Hindernis aufgefahren, das hab ich nicht gesehen. Vielleicht sind nur einige Millimeter Schnee auf irgendwelchen Erdbrocken gelegen. Oder waren es kleine Steine, weil der Weg voll Schotter ist. Jedenfalls bin ich abrupt von diesem Hindernis gestoppt worden. Muss ich die Schuld an diesem Sturz allein bei mir suchen? Oder hat mir das Schicksal wieder einmal eine Falle gestellt? War ich mit meinen Gedanken vielleicht schon weiter vorn auf der Loipe und auch mit meinen Augen? Hab ich mich zu früh auf das Gleiten über das weiße Feld vor mir gefreut? Und plötzlich taucht bei diesen Gedanken eine weitere Frage in mir auf: Warum musste mir das passieren? Ich fluche nicht, wie das vielleicht manche jetzt machen würden. Ich fühle mich nur elendiglich und schwach. Und vor allem ausgeliefert. Irgendwie total ausgeliefert. Dem Schicksal oder demjenigen, dem ich diesen Sturz zu verdanken habe. Aber wem hab ich diesen Sturz zu verdanken? Und warum musste mir das gerade jetzt passieren? Gerade in dem Moment, wo ich anfing, mich richtig aufs Laufen über die von der Sonne beschienene Wiese zu freuen ...
Plötzlich kommt zu diesem Gefühl von Hilflosigkeit eine Portion Unmut dazu. Oder soll ich besser Zorn sagen? Obwohl mir anscheinend nicht allzu viel Schlimmes passiert ist, bin ich irgendwie erbost. Auf wen? Auf mich? Auf mein Leben ganz allgemein? Muss ich das wieder einmal verdammen? Ist mir nicht in den letzten Jahren schon genug Unheil über den Weg gelaufen? Hab ich nicht schon genug mitgemacht? Hört dieser Wahnsinn niemals auf? Was kommt noch alles auf mich zu? Mit Grauen denke ich an meinen Unfall mit den Augen im Herbst 2012. Als mir dieses Wolfsmilchsekret beim Abschneiden der Pflanzen am Friedhof in die Augen gespritzt ist und ich drei Tage fürchterliche Schmerzen hatte und so gut wie nichts gesehen hab. Hat mich das Schicksal jetzt mit diesem Sturz wieder gedemütigt, indem es mir zeigt, dass ich ihm ausgeliefert bin? Oder bin ich tatsächlich zum Spielball für irgendwelche höheren Mächte geworden, die mir immer wieder einmal zeigen, dass sie mit mir machen können, was ihnen gefällt? Dunkle Mächte? Mir nicht gut gesinnte Mächte? Muss ich weiter büßen in meinem Leben? Hab ich nicht schon durch mein Krebsleiden genug Leid auferlegt bekommen?
Wieder spucke ich Blut aus, bleibe kurz stehen und sehe, wie sich der Schnee vor mir rot färbt. Verdammte Schei..! Ja, es muss ganz einfach raus aus mir. Ich Unglücksrabe, ich elendiger! Wo ich doch zwischendurch schon gemeint hab, dass jetzt Schluss wäre mit all dem Unerfreulichen in meinem Leben. Und plötzlich denke ich auch an meine Engel: Warum, bitte, haben die das zugelassen? Wo ich sie doch täglich um ihre Hilfe bitte, ja oftmals sogar anflehe, mir in meinem weiteren Leben beizustehen und mich wieder zu dem zu machen, der ich einmal war ein glücklicher Mensch, der unbeschwert durch sein Leben schreiten konnte. Und jetzt? Oder besser gesagt, in den letzten zwei Jahrzehnten? Was ist da aus meinem Leben geworden? Eine einzige Scheiße! Jawohl! Jetzt will ich das Wort auch ganz ausschreiben. Brauch nichts zu verbergen. Scheiße! Scheiße! Scheiße! Und nochmals: Scheiße!!!
Wut übermannt mich. Die Sonne hat sich hinter einigen Wolken versteckt. Mir ist kalt, es fröstelt mich und ich fühle mich total beschissen, stoppe und wende. Mit meinem blutverschmierten Gesicht gleite ich zurück und schwarze Gedanken kreisen in mir. Wie Aasgeier, die sich um einen toten Affen in der Sahelzone streiten
Zwei Tage nach meinem Sturz.
Ich liege auf meinem Doppelbett im Wohn-Schlafgemach. Es ist behaglich warm, die Sonne lacht am frühen Nachmittag durchs große Wohnzimmerfenster. In der Mitte meiner Engelschar auf der Truhe vor mir brennt ein Licht, während ich einen nach dem anderen meiner 13 Seelsorger betrachte. Jawohl, Seelsorger! Ich begrüße jeden einzelnen. Wie eigentlich jeden Tag und hoffe, dass sie mir verziehen haben. Denn einige Stunden nach meinem Sturz hab ich auch sie kurz verdammt und Gott und die Welt verflucht, in der ich leben musste, und ich hab mir nach langer Zeit wieder einmal gewünscht, niemals geboren worden zu sein. Dann kam der Abend und dann die Nacht. Irgendwann bin ich kurz vor Mitternacht mit eher trüben Gedanken eingeschlafen. Doch welch Wunder: Ich hab trotz meiner dick geschwollenen, innen aufgeplatzten Lippen relativ gut geschlafen. Sogar vier Stunden durchgeschlafen, ohne aufs WC zu müssen. Wo ich doch ansonsten zumeist nach zwei, drei Stunden aufwache, um Urin abzulassen. Und jetzt, an diesem 1. Advent-Sonntag am frühen Nachmittag? Ich schau zu meinen Engeln, versuche trotz immer noch dick geschwollener Lippen zu lächeln, und ein leises Danke huscht aus meinem Mund.
Was mir auch jetzt noch zu denken gibt: Hab ich womöglich in letzter Zeit bereits wieder irgendeine Schuld auf mich geladen, oder gibt es immer noch offene Rechnungen aus längst vergangenen Tagen, die mich weiter verfolgen und erst noch beglichen werden müssen? Diese Gedanken beunruhigen mich ein bisschen. Eines lässt mich dennoch irgendwie frohlocken: Mit üblichen Krebs-Behandlungs-Methoden wäre dieser Sturz ganz bestimmt nicht passiert. Warum? Darüber kann sich jeder seinen eigenen Reim schmieden
Dazu vielleicht passend aus Goethes "Wilhelm Meister":
"Wer nie sein Brot mit Tränen aß, wer nie die kummervollen Nächte auf seinem Bette weinend saß, der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte. Ihr führt ins Leben uns hinein, ihr lasst den Armen schuldig werden, dann überlasst ihr ihn der Pein: Denn alle Schuld rächt sich auf Erden."