So fangen die Märchen für gewöhnlich an, und diese kleine Weihnachtsstory von meiner Familie ist zumindest für mich so etwas wie ein Märchen.
Die Darsteller sind: Meine Gattin (damals noch), meine drei Töchter Waltraud, Sonja und Marlies, unser Kater Pezi, meine Schwiegereltern Gertrude und Karl, die Schwester meiner Gattin, Dorli, ihr Bruder Karl und die im Gasthaus gute Werke verrichtende Hausangestellte Angela. Nicht zu vergessen die Uroma unserer Kinder mütterlicherseits mit Namen Karoline. Auch meine Eltern Olga und Hans und die Familie meines Bruders Herbert mit Gattin Helene, den Söhnen Walter, Hannes und Gerfried sind dabei. Und zum Schluss war auch ich noch mit von der Partie.
Heiliger Abend, ich hatte noch im Reha Bad Aussee Dienst bis 11 Uhr, meine Gattin Edith war mit den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest schon seit Tagen beschäftigt, die Kinder erfreuten sich an den Weihnachtsferien und tollten mit Freunden im Schnee vor dem Haus unserer Dienstwohnung herum, bauten einen Schneemann und bewarfen sich zwischendurch mit Schneebällen. Vor allem die Kinder waren bester Laune, wir Erwachsenen eher von den vielen Vorbereitungen auf Weihnachten genervt, um nicht zu sagen vom Weihnachtsstress gepackt.
Packen, das ist das Stichwort, denn wie bereits seit Jahren würden wir auch heuer wieder die Tage von Weihnachten bis Neujahr bei unseren Eltern in Radmer verbringen. In diesem kleinen Dorf mit den aufragenden Bergen und den tief verschneiten Wäldern rings um diesen Talkessel. Da hieß es die vielen Sachen, die wir mitnehmen mussten, einpacken, und das erledigten meine Gattin und ich zusammen, nachdem ich von meiner Arbeit nach Hause gekommen war. Die Mädels? Die sausten nach dem Mittagessen schon wieder im Hof herum. Der Kombi stand nach wenigen Minuten prallvoll bis oben angepackt vor der Haustüre, und es hieß die letzten Sachen schnappen und abfahren! Halt! Einer fehlte noch. Der musste aber auch mit. Wo wir doch einige Tage bleiben wollten.
Ich: Wo ist der Kater? Meine Gattin: Kinder, habt ihr den Pezi gesehen? Der war doch vorhin noch im Wohnzimmer.
Ich will jetzt nicht daran zurückdenken, was sich in den nächsten Minuten bei uns fünf bereits im Auto Sitzenden abgespielt hat. Nur so viel: Der erste echte Weihnachtsstress begann mit der Suche nach unserem Kater. Im Wohnzimmer war er nicht. Da lag er zumeist auf der Couch und machte ein Nickerchen. Vor allem dann, wenn er nächstens unterwegs gewesen war. Zu seinen Katzen-Freundinnen womöglich gestiefelt mit stolz erhobenem Kopf, war er doch ein sehr schöner Kater mit hellgrauem Fell, durchzogen mit weißen Flecken, auch auf seinem ansonsten schwarzen Kopf. Wunderschön gemustert und dazwischen immer wieder ein Fleckchen schwarz auf seinem dichten Fell. Stolz schien er auch auf seine langen Schnurr-Haare zu sein und sein rosa Näschen trug er für meine Begriffe ab und zu ein wenig hoch. Aber was solls! Er war eben gut gebaut und durchaus auch liebenswert. Davon war jetzt allerdings nichts zu bemerken. Er war weg. Irgendwann hat ihm irgendein Familienmitglied wohl die Tür zum Balkon aufgemacht. Wie das immer geschah, wenn er miaute und hin und wieder einmal ein gewisses Örtchen aufsuchen musste. Gleich wie wir alle eben auch. Vom Balkon hatte ich ihm eine Katzenleiter gebastelt. Wir wohnten ja im Erdgeschoss, da war das kein Problem, und vom Balkon stolzierte er immer die paar Meter hinunter in die Wiese und zu den Büschen hinter dem Haus. Zurück kam er ebenso über diesen Einstieg ins Familienzentrum Wohnzimmer. Doch jetzt? Ich war echt sauer!
Wer hat den Kater hinaus gelassen? Ich hab euch doch gesagt, dass er zu Mittag hier sein muss!
Die Kinder schauten mit Unschuldsmiene zu mir und meine Gattin Edith schüttelte nur ihren hübschen Kopf. An die nächste Stunde erinnere ich mich nicht allzu gerne zurück. All fünf schwärmten aus, um den Kater zu suchen. In alle Richtungen
Dann müssen wir eben ohne ihn fahren! Sein Pech, wenn er so blöd ist und sich ausgerechnet jetzt davonmacht!
Nicht allzu freundlich kamen diese Worte aus meinem Mund. Ich war echt genervt und weit weg von friedlicher Weihnachtsstimmung.
Dann fahren wir auch nicht mit!
Wie aus der Pistole geschossen kamen diese Worte aus dem Mund unserer drei Mädels. Waltraud, als Älteste, war 8, Sonja 6 und Marlies, als beinahe Neujahrsbaby, würde in wenigen Tagen ihren 4. Geburtstag feiern können. Wunder gibt es immer wieder, und bevor wir noch weiter diskutieren konnten, kam er angestiefelt. Wie einst der Gestiefelte Kater im Märchen der Gebrüder Grimm. Keine Spur von Nervosität. Den Schwanz hoch gestreckt und auch den Kopf trug er eher majestätisch erhoben denn schuldbewusst gebeugt.
Miau, freudig begrüßte er uns. Mir fiel ein Stein vom Herzen, meine Gattin seufzte erleichtert, wie fast immer, wenn ein Problem gelöst werden konnte, und die Kinder verfielen beinahe in einen Freudentanz.
Braver Pezi! Du bist ja ein ganz Lieber! Komm her, lass dich streicheln!
Das waren in etwa die Worte der Mädels. Ich startete den Motor, alle stiegen in die Familienkutsche und ab ging die Post
Das waren noch Zeiten. Damals vor ungefähr 30 Jahren. Warum, das werden wir gleich sehen. Die Kinder hatten riesigen Spaß hinten im Kombi. Von Kinder-Autositzen hatte ich vielleicht einmal gehört, wir hatten nie welche. Da hätten wir ja drei gebraucht. Die Mädels und der Kater waren also hinten auf der Sitzbank, doch von ruhig sitzen und brav aus dem Fenster schauen war keine Rede. Sie saßen vorerst ruhig, wechselten jedoch gelegentlich die Sitze, spielten mit dem Kater und verhielten sich alles andere als ruhige Passagiere. Meine Ordnungsrufe vom Volant verhallten eher ungehört. Meine Gattin war wie immer die Ruhe in Person, die störte das nicht. Sollten sie ruhig ein bisschen lärmen und sich ihres Lebens erfreuen.
So kutschierten wir zuerst von Bad Aussee nach Trautenfels, dann das Ennstal abwärts bis Admont und danach durch das wildromantische Gesäuse mit den steil aufragenden Bergwänden Richtung Hieflau. Der Tag war winterlich, die Straßen zuerst gut gesalzen, dann im Gesäuse schlecht geräumt und mit Eis-Spurrillen versehen, beinahe ohne Streusplit. Vorsicht war da angebracht, denn wir wollten heil ans unser Ziel kommen. Durch die Katersuche waren wir etwa eine Stunde hinter unserem Zeitplan zurück. Dann kam der Moment, wo wieder unser Kater zum Hauptdarsteller wurde. Er miaute plötzlich mehrmals.
Papa, bitte anhalten, der Pezi muss mal, glaube ich.
Eine meiner lieben Kleinen meldete sich zu Wort.
Ja, der sitzt schon nicht mehr. Bitte halt an! Der macht uns noch ins Auto! Anhalten Papa!
Die Straße war schmal, wo sollte ich da anhalten?
Ein bisschen muss er noch warten!
Ich sagte es nach hinten und fuhr weiter. Etwas schneller, um vielleicht irgendwo an einer Ausweiche stoppen zu können. Zum Glück wurde bald danach die Straße breiter, ich fuhr rechts ran und hielt an. Kinder-Tür-Sperre hat es in unserer alten Kiste keine gegeben. Kaum hatte ich den Kombi gestoppt, ging bereits hinten die Tür auf und
Die Mädels dachten wohl nicht daran, dass der Kater nicht zu Hause war, wo er problemlos ins Freie gelassen werden konnte, um sich in die Büsche zu schlagen und zu erleichtern, und bevor ich noch sagen konnte, auf den Kerl aufzupassen und ihn nicht wegrennen zu lassen da war er bereits die Böschung hochgesprungen. Hoffentlich ging das gut!
Komm sofort runter, du Mistvieh!
Zirka fünf Minuten war er bereits dort oben, hatte sein Geschäft verrichtet und schaute mit seinen graugrünen Katzenaugen zu uns herunter. Wir hatten keine Chance, die Böschung hochzuklettern, die war ganz einfach zu steil und unsere vorerst noch sehr netten Lockrufe ließen ihn kalt. Er genoss scheinbar die Situation als Hauptdarsteller in diesem zweiten Akt unserer Weihnachtsgeschichte. Ich genoss die Situation weniger und war schon echt wütend auf den Kater. Meine Gattin hatte zwar die Ruhe ihres Vaters vererbt bekommen, was solche Situationen anlangte, doch jetzt war auch sie schon genervt.
Wir kommen zu spät, ich hab gesagt, dass wir spätestens um 3 Uhr ankommen. Jetzt ist es bereits einiges nach 4 Uhr.
Sie hatte absolut Recht. Wir hatten nicht nur bereits eine gehörige Verspätung, es kam noch etwas Bedrohliches auf uns zu: es begann zu dämmern. In wenigen Minuten würde es womöglich dunkel werden. Was dann?
Handy gab es damals bei uns noch keines. Das hätte die Situation vielleicht ein bisschen verbessert, wenn wir unsere Eltern anrufen und ihnen die Situation mitteilen hätten können. Meinen Eltern, die auch auf uns warteten, und auch die Eltern meiner Gattin machten sich womöglich bereits Sorgen. Alle wohnten ja im gleichen Ort in der Radmer, wie die Menschen unser Gebirgsdorf gerne bezeichneten.
Das gute Zureden half nichts, der Pezi rührte sich nicht von der Stelle und auch meine schon eher nicht so gut gemeinten Worte verfehlten ihre Wirkung und waren eher kontraproduktiv in dieser Angelegenheit. Da kam mir die Idee mit den Schneebällen.
Nein Papa, nicht!
Eine meiner Töchter rief es laut, als ich den ersten Schneeball in Richtung Kater abfeuerte.
Au, du hast ihn beinahe getroffen! Hör sofort auf damit!
Eine zweite Stimme.
Jetzt hast du ihn wirklich getroffen!
Empört kam es aus dem Mund unserer Jüngsten. Zum Glück getroffen. Das war unsere Rettung, denn der Kater machte einen Riesensatz und rutschte anschließend an der Böschung nach unten. Da stand ich bereits und nahm ihn in Empfang
Du Armer! Der schlimme Papa, komm sei lieb, tut ja nicht weh! Schau, er schnurrt schon wieder!
Die Mädels hatten ihn wieder zu sich nach hinten genommen, die Türen waren dicht und wir brausten weiter. Mit Licht, denn es war bereits am Dunkel-Werden.
Da seid ihr ja endlich! Wir haben uns schon Sorgen gemacht! Warum kommt ihr so spät? Wir haben doch früher vereinbart.
Ich packte die für meine Eltern bestimmten Sachen aus und überließ es den anderen, Erklärungen für unsere Verspätung abzugeben. Ich war ganz einfach irgendwie fertig mit den Nerven
Mein Bruder Herbert und ich und auch unsere beiden Gattinnen, wir waren alle aus diesem kleinen Dorf in der Obersteiermark. Mein Bruder lebte seit einigen Jahren mit seiner Familie in der Nähe von Graz in einem schönen, großteils selbst errichteten Eigenheim, war von Beruf Maschinenbau-Ingenieur und kam, wie auch wir, beinahe zu allen Feiertagen oder Festlichkeiten mit seiner Familie in diesen Ort gefahren. Ich war zuerst auch in Graz als Schriftsetzer in einer großen Druckerei beschäftigt, dann als Erzieher im SOS-Kinderdorf tätig, heiratete in dieser Zeit, und wir lebten bis zur Geburt unserer zweiten Tochter in Graz. Danach kam ich als Internatsleiter nach Bad Aussee, wo unsere dritte Tochter geboren wurde. Das Internat schloss nach fünf Jahren meiner Tätigkeit als privates Gemeinde-Internat seine Pforten und ich wechselte beruflich in die Pensionsversicherungs-Anstalt ins Reha-Zentrum Bad Aussee.
Jetzt war Heiliger Abend und die erste Station der weihnachtlichen Feier spielte sich wie üblich bei meinen Eltern in diesem alten und doch sehr schönen Holzhaus ganz in der Nähe des kaiserlichen Jagschlosses ab, in das bereits Franz-Josef mit seiner Sisi zur Jagd hinkam, und wo der Kaiser höchstpersönlich so manchen Rehbock, Hirsch oder Gams geschossen hatte. Die Kaiservilla in Bad Ischl zeugt mit hunderten Trophäen von der Jagdleidenschaft des Kaisers. Die tausendste Gams hat er im Weißenbachl in unserem Ort Radmer erlegt. Das steht dort schwarz auf weiß dokumentiert.
Erste Station war diesmal mein Elternhaus. Mein Bruder Herbert war mit seiner Familie schon anwesend. Meine Mutter Olga stand am Herd und kochte für 12 Personen. Es gab Bratwürste, Sauerkraut und Kartoffel vom eigenen Garten. Für uns Erwachsene Punsch, für die Kinder Tee und auch der Kater war mit von der Partie und kaute an einem Stück Bratwurst roh. Die Hektik der letzten Stunden war auch bei mir restlos verflogen. Im Haus meiner Kindheit hatte ich mich immer sehr wohl gefühlt.
Herrlich diese Weihnachten!
Es war wunderschön, wieder zu Hause zu sein, und über dies und das zu plaudern. Mein Vater Hans war im ersten Stadium von Parkinson erkrankt, er zitterte bereits ein bisschen mit den Händen, doch er war guter Dinge. Er hatte den riesigen Christbaum noch selbst aus dem Wald geholt. Das ließ er sich als ehemaliger Sägemeister im herrschaftlichen Forstbetrieb auch jetzt noch nicht nehmen. Unsere Gattinnen halfen meiner Mutter beim Abfüttern der hungrigen Mäuler und die Kinder erfreuten sich aneinander. Walter, Hannes und Gerfried, die drei Buben von meinem Bruder, und unsere Mädels.
Dann kam der Zeitpunkt der ersten Bescherung. Das Glöckchen hatte gebimmelt und wenig später standen wir alle im Wohn-Schlafzimmer meiner Eltern. Vom Christbaum leuchteten die Kerzen zu uns her, doch noch heller leuchteten die Augen der Kinder, die es kaum erwarten konnten, die Pakete unter dem Baum besichtigen zu dürfen. Wem was gehören würde, und was in den Packerln wohl sein würde. Doch zuerst wurde noch ein Vater Unser gebetet und dann folgten einige Weihnachtslieder, aus unseren 12 Kehlen vorgetragen. Wunderschön die Kinderstimmen und auch wir Erwachsenen sangen irgendwie ergriffen mit. Meine Mutter stammte aus einer sehr musikalischen Familie und auch mein Vater war Mitglied im Männer-Gesangverein. Oh Tannenbaum und Stille Nacht, Heilige Nacht bildeten den Abschluss. Die letzte Strophe war noch nicht einmal zu Ende gesungen, da stürzten sich die Mädels und die Buben bereits auf die Geschenke
Mein Vater hatte bereits vorher Buchenholz in unseren gemauerten Herd gegeben und die Glut dieser Scheiter kam jetzt in einen tönernen Kessel, ähnlich Weihkesseln in Kirchen mit denen die Pfarrer Weihrauch versprengten. Mein Bruder nahm das Weihwasser, ich die Tasse mit Weihrauch und mein Vater den Kessel, aus dem der Rauch hervorquoll. Ganz vorne gingen die Kinder mit der Laterne, um uns zu leuchten. Der Heilige Abend war schließlich eine Rauchnacht, und bei uns war es Brauch, mit dem Weihrauchkessel und dem Weihwasser all das zu beräuchern und zu besprengen, was wichtig war. Das Feuer im Herd ebenso wie das Wasser, den Herrgottswinkel, den Christbaum und die Betten. In jedes Zimmer gingen wir und danach noch in den Hof zu unserer Holzhütte, wo das Holz zum Heizen lagerte, und schließlich stapften wir auch noch zum nahen Stall, weihten und räucherten dort die Hühner und den Brunnen, aus dem das Wasser für das Vieh floss. Einst hatten wir Ziegen, ein Ferkel, einmal eine Kuh, doch jetzt waren nur noch die Hühner im Stall und bekamen den Rauch und das Weihwasser ab. Zum Schluss bekam jedes Kind und auch jeder von uns Erwachsenen mit dem Tannenzweig und dem Weihwasser ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet. Das sollte eine Art Schutz sein für die nächste Zeit. Dann kam noch der Brauch mit dem Hut meines Vaters. Einem alten Hut, der wurde über den Weihrauchkessel gehalten und jeder von uns musste den rauchenden Hut aufsetzen. Die Kinder fanden das sehr lustig und waren bester Laune, und auch wir Erwachsenen genossen die feierliche Stimmung in unserem Elternhaus. Doch schon bald hieß es Abschied nehmen, denn es folgte die nächste Bescherung. Diesmal bei meinen Schwiegereltern, die warteten bereits auf uns. Auch mein Bruder mit seiner Familie feierte noch bei seinen Schwiegereltern.
Die Eltern meiner Gattin waren Wirtsleute, und in diesem Dorfgasthaus war zu allen Zeiten reger Betrieb. Doch heute am Weihnachtsabend machten sie um 17 Uhr Sperrstunde, und als wir jetzt von der Feier bei meinen Eltern ankamen, da war bereits alles für die nächste Feier gerichtet. Nach der Begrüßung und dem Ausladen unserer vielen Sachen setzten wir uns alle an einen großen Tisch in der Gaststube, und weil wir aus gläubigen Familien kamen, wurde zuerst die Geschichte von der Herbergesuche von Maria und Josef vorgelesen. Das Licht war abgeschaltet, nur an der Krippe beim Herrgottswinkel brannte die Heilige-Nacht-Kerze und auch auf dem Tisch vor uns stand eine Kerze und spendete Licht. Die Weihnachtsgeschichte von Bethlehem und den Hirten las wie immer der Schwiegervater vor und alle hörten andächtig zu. Dann kamen noch ein Vater Unser und als Abschluss der Gebete ein Gegrüßt seiest Du, Maria dazu.
Sehr andächtig betete die Uroma Karoline. Sie war bereits einiges über 80 und seit vielen Jahren Witwe. Seit dieser Zeit wohnte sie bei ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn im Gasthaus. Dort war Platz genug, denn das Haus war groß und stattlich und mit einigen Fremdenzimmern für gelegentliche Gäste versehen. Zumeist übernachteten Jagdherren mit Anhang oder Sommerfrischler oder Bergtouristen, die Quartier suchten. Die Uroma war äußerst fromm, meine Schwiegermutter Gertrude war als Organistin in der Pfarre tätig und der Schwiegervater leitete nicht nur den Männer-Gesangverein Radmer, er war auch Chorleiter beim gemischten Kirchenchor. Wir saßen am Stammtisch in der Gaststube, hatten die Hände mehr oder weniger gefaltet und murmelten die Gebete mit. Doch ich wusste, dass jetzt, als das Gegrüßt seiest Du, Maria kam, die Küchenhilfe Angela, die für Ordnung und Sauberkeit im Hause zuständig war, dafür sorgte, dass nicht nur ich kaum noch das Lachen verhalten konnte. Zum Glück war es einigermaßen dunkel, so dass keiner sah, wie sehr wir alle mit der Beherrschung kämpften, als es beim Gebet hieß: und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesu
Die Küchenhilfe Angela war zwar nicht als dumm zu bezeichnen, doch an dieser Stelle betete sie immer Flucht anstatt Frucht und der Kampf in uns begann. Mich schüttelte es, meine Gattin ebenso und die Kinder konnten nicht anders, als loszulachen. Sehr zum Missvergnügen der Uroma, die das nicht verstehen konnte. Auch heuer hob sie wieder mahnend ihren Zeigefinger, streckte ihn zu unseren drei Mädels hin, doch ich bin sicher, dass sie auch mich im Visier hatte, denn auch ich konnte nicht anders und musste lauthals loslachen. Keine Chance, das zu verhindern, auch wenn ich mir vorher bereits im Wissen, um das, was nun kommen würde, bewusst auf die Zunge gebissen hatte. Es ist wahrscheinlich zu vergleichen mit dem Niesen, wenn der Niesreiz bereits die Nase bearbeitet, man jedoch auf keinen Fall niesen will bis dann die Explosion kommt. Die Angela schaute mahnend wie die Uroma zu uns und wusste natürlich nicht, dass ihre Flucht endgültiger Auslöser unserer Lachkrämpfe war. Es war ansteckend und nicht abwendbar, hatte sich schon beim Vater Unser in uns irgendwie gebildet und kam exakt bei der richtigen Stelle zum Ausbruch.
Doch es kehrte wieder Ruhe ein und bald darauf hörte man das Glöckchen als Zeichen, dass das Christkind im 1. Stock gekommen war
Das Christkind war der Onkel Karl, der Bruder meiner Gattin. Er lebte damals noch allein, war Oberförster und wie jedes Jahr kam er von seinem Dienstort Weyer zu Weihnachten zu Besuch ins Elternhaus, in dem auch noch die jüngste Schwester meiner Gattin, die Tante Dorli, lebte. Sie half als künftige Chefin überall dort aus, wo man sie benötigte. Im Service, in der Küche und die Kinder mochten sie sehr gern, weil sie eine liebenswerte und durchaus hübsch anzusehende Person war.
Groß war die Freude der Mädels mit den Geschenken, die unter dem Christbaum lagen. Doch wie bereits bei meinen Eltern wurde zuerst noch gesungen und die Kerzen leuchteten am stattlichen Christbaum und auch unsere Augen leuchteten vor Freude und sicherlich auch Glück.
Weihnachten in Radmer. Einfach herrlich!
Doch noch waren wir nicht am Ende des Tages. Nach der Bescherung gab es wiederum ein Essen. Diesmal Fisch, den meine Schwiegermutter mit viel Liebe zubereitet hatte. Dazu holte der Schwiegervater ein gutes Tröpferl aus dem Keller und alle ließen es sich gut schmecken. Die Zeit war wie im Flug verronnen, wir plauderten, lachten und der Karli-Onkel gab auf seiner Harmonie etliche Stücke zum Besten. Der Wein schmeckte prima, es gab auch noch Kekse und die Kinder konnten sich gar nicht satt spielen mit ihren vom Christkind bekommenen Puppen oder anderen Geschenken.
Dann mahnte die Schwiegermutter zum Kirchgang. Es war beinahe Mitternacht geworden und wir wollten ja alle noch in die Christmette gehen. Die war immer besonders feierlich in der Wallfahrtskirche zum Heiligen Antonius, die einst Franz Ferdinand erbauen ließ. Eine wunderschöne Barockkirche mit großer Orgel und einer gediegenen Ausstattung. Groß genug für gelegentliche Wallfahrer und unsere Eintausend-Seelen-Gemeinde. Obwohl die Kinder schon müde waren, wollten diesmal alle drei mitkommen. Im Vorjahr waren Marlies und Sonja noch zu Hause geblieben und schlafen gegangen, heuer wollten sie mit ihrer Schwester Waltraud mitkommen. Im Auto fuhren wir zur Kirche, und nachdem wir ausgestiegen waren, hörten wir bereits die Turmbläser Weihnachtslieder vom Kirchturm blasen. Die Landschaft war vom Schnee bedeckt, wir in dicke Mäntel gehüllt und mit Hauben oder Hüten auf den Köpfen. Da konnte uns die Kälte nichts anhaben. In der Kirche brannten feierlich die Kerzen am riesigen Christbaum und auch der Altar war mit Kerzenlicht und auch ein bisschen künstlichem Licht beleuchtet. Zudem hing ein riesiger Luster von der Decke und spendete Licht im Inneren der Kirche und viele Kirchenbesucher hatten Laternen mitgebracht mit Kerzen darin, die zumeist still vor sich hin brannten.
Meine Schwiegereltern hatten ihre Plätze am Chor eingenommen. Die Schwiegermutter spielte die Orgel und mein Schwiegervater sang und dirigierte den Kirchenchor. Wir hatten zuvor schon alle Hände voll zu tun, um Bekannten und Freunden vor dem Gotteshaus frohe Weihnachten zu wünschen und drückten wie immer viele Hände und auch etliche Umarmungen waren dabei. Jeder kannte in unserem kleinen Ort eigentlich jeden. Das war das absolut Schöne an dieser Dorfgemeinschaft. Zur Mitternachtsmette gingen nur die wirklich Gläubigen oder die, die ganz einfach diese Stimmung genießen wollten. Mit den Turmbläsern, den Fackeln und Kerzen und den Weihnachtsliedern in der Kirche und einigen Gebeten zwischendurch. Als Abschluss der Messfeier sangen alle zusammen noch das Stille Nacht, heilige Nacht und die Kirchenglocken läuteten in der Winternacht und klangen durchs tief verschneite Tal
Weihnacht in Radmer, Familienweihnacht in der Großfamilie. Da gab es wirklich noch alles, was sich Menschen wünschen könnten: Eine wunderbare Naturlandschaft mit Bergen von Schnee und einem zum Großteil zugefrorenen Gebirgsbach, wo die Kinder gerne auf dem Eis rutschten oder mit den Schlitten oder Rumpeln auf den Wiesenhängen herumtollten, einen riesigen Schneemann bauten oder sich mit anderen Kindern Schneeball-Schlachten lieferten. Für uns Männer gab es eine Eisbahn, die der Schwiegervater vor allem für die Gäste seines Wirthauses angelegt hatte, weil die Eisschützen nach getaner Arbeit gerne noch im Gasthaus einkehrten, Karten spielten oder sich anderweitig erfreuten und sich mit Getränken und von der Schwiegermutter zubereiteten Köstlichkeiten zum Hineinbeißen erfreuten.
Die Frauen und Mütter tauschten Gedanken aus, lachten und ließen nicht nur einige Tassen Kaffe in sich fließen, nicht selten sah man auch das eine oder andere Glas Wein vor ihnen stehen. Zuerst noch voll, dann wieder geleert. Doch meine Gattin, ihre Schwester, die Schwiegermutter und die Uroma hatten in diesen Tagen alle Hände voll im Gastbetrieb zu tun. Kein Honiglecken wahrlich, und doch, irgendwie schienen sie mit Freude an der Arbeit zu sein, und wenn sich Gäste bedankten fürs gute Essen und so mancher Gast sogar bis in die Küche kam, um frohe Weihnachten zu wünschen, dann leuchten die Augen der in der Küche oder im Service Werkenden.
Die Kirche und das Gasthaus, das waren die wichtigsten Kommunikationspunkte der Menschen. Dort traf man sich, dort wurde gesungen und gefeiert. In der Kirche gebetet und gesungen, im Gasthaus gezecht und gesungen, und anstelle von Gebeten hörte man in der Gaststube die Männer lachen und sich Geschichten aus der Vergangenheit erzählen. Beim Kartenspielen vergaßen manche auf das Heimgehen, doch die Ehefrauen waren das schon gewohnt, sie waren zumeist tolerant oder duldeten still die Freuden ihrer Ernährer. Die Frauen waren zum Großteil noch echte Hausfrauen und Mütter. Sie sorgten für das Wohl der Familie, kochten und wuschen, falteten im Gotteshaus fromm die Hände und erfreuten sich an der Familie. Kaum ein Ehepaar blieb damals kinderlos, und beinahe überall waren zumindest zwei, drei Kinder zu versorgen. Die Ehen hielten damals noch wunderbar. Ich kann mich an keine einzige Scheidung in unserem Ort erinnern. Natürlich wird auch in unserem Gebirgsdorf nicht immer alles Wonne und Grießschmarren gewesen sein, doch die Dorfgemeinschaft und die Feste zu allen Jahreszeiten schweißten die Menschen zusammen, und wenn irgendwo Not am Mann war, da halfen die Nachbarn, Freunde und Bekannte. Natürlich auch die Verwandtschaft, die war bei manchen Familien riesengroß, und manche Uroma hatte an die zwanzig Enkelkinder und ab und zu auch etliche Urenkel. Dazu gab es jede Menge an Onkeln und Tanten, Geschwistern, Cousins und Cousinen, Opas und Omas.
Und wenn in einer Winternacht der Mond seine Sichel hinter den ziehenden Wolken versteckte, der Schnee unter den Schritten eines Jägers knirschte, der mit seinem Jagdhund als Begleiter und das Gewehr umgehängt durch den Schnee nach Hause stapfte oder noch im Dorfwirtshaus auf einen guten Schluck Glühwein einkehrte, dann konnten auch die Tiere des Waldes sicher sein, heute keinen Schuss mehr zu hören und sie werden sich einen Platz zum Schlafen suchen im dunklen Tann und wie die Menschen in diesem Tal dem neuen Tag entgegenschlummern
Ach ja, bald hätte ich unseren Hauptdarsteller, den Kater Pezi, vergessen. Der erfreute sich seines Daseins zu Besuch in Radmer ebenso wie wir. Er hatte aber auch allen Grund zur Freude, denn jeder streichelte ihn, und wenn er vom Streicheln genug hatte, dann legte er sich im Stüberl auf die Ofenbank und machte ein geruhsames Nickerchen. Wenn er miaute, aufstand und zur Tür ging, dann ließen wir ihn hinaus ins Freie. Hinten hinaus, denn da gab es alles, was er scheinbar so liebte. Den nahen Wald, die Vögel, die Büsche, die Holzhütten, den Stall und vielleicht sogar die eine oder andere Katzendame, der er vor allem des Nachts einen Besuch abstattete. Denn am Abend wollte er immer ins Freie, der Schlingel
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Was die Sache noch schöner macht und womit uns das Christkind nach weiteren sechs Jahren ein wunderschönes Geschenk machte: Wir bekamen zu unseren drei Mädels noch einen Sohn geschenkt, den wir Gerald tauften. Doch auch mein Bruder sorgte nochmals für Familien-Zuwachs. Seine drei Jungs erfreuten sich nach gleich vielen Jahren an einer Schwester mit Namen Elisabeth. Damit da wie dort ein Ausgleich geschaffen wurde. Doch so wie jedes Märchen irgendwann einmal endet, so war das auch bei unserer einst jährlichen Familienweihnacht wenn es heißt: Es war einmal