Siege erzeugen Freude, aber Siege erzeugen auch Neid und Missgunst.
Nicht umsonst lautet ein Sprichwort: "Des einen Freud, des anderen Leid!" Und wenn Schadenfreude bei einem Sieg mitschwingt, dann könnte man sogar Niederlagen unter Siege einreihen, weil jede zur Schadenfreude ausartende Niederlage ja im Grunde genommen so etwas wie einen Sieg für alle jene darstellt, die sich an so einer Niederlage ergötzen und erfreuen.
Betrachten wir jedoch echte Siege.
Ist nicht bereits jede Geburt ein Sieg, ein Sieg des Werdens über das Vergehen? Aber nicht nur jede Geburt eines Menschen, jedes neue Entstehen ist für mich ein Sieg. Es gibt also unzählige Siege immer und immer wieder. Jedes noch so zart aus dem Boden dringende Grün bedeutet einen Sieg, jede vorbeiziehende Wolke, die vor kurzem entstanden ist, ebenso. Jeder aus einem Ei schlüpfende Kolibri, jedes Elefantenbaby, das soeben auf wackeligen Beinen die ersten Schritte macht, jedes Wässerchen, das aus einer noch so winzigen Quelle hervorsprudelt ebenso wie jeder Strahl der aufgehenden Sonne, wenn er das Dunkel der Nacht durchdringt.
Überall wimmelt es förmlich von Siegen, wir müssen nur unsere Augen aufmachen und unser Gehirn einschalten. Wie den PC, den wir andrehen, um uns zu bedienen oder um uns berieseln zu lassen. Mit tausendfachen Informationen, mit einer unendlichen Vielfalt von gesammeltem Wissen, wodurch uns allein damit die Welt förmlich zu Füßen liegt. Alles Siege - von Menschen erzeugt, von der Natur zustande gebracht. Und wenn wir uns an einem sternenklaren Nachthimmel auf den Balkon begeben und unsere Augen zu diesem Leuchten empor gleiten, dann könnte in unserem Inneren vielleicht auch so etwas wie das Gefühl eines Sieges entstehen. Vielleicht stehen wir mit vor Staunen geöffnetem Mund da und fragen uns, wem wir all diese Pracht und Herrlichkeit, all diese unendlich vielen Siege zu verdanken haben.
Zurück aus dem Kosmos, zurück zu unserem winzigen Teilchen davon, zurück zu unserer Erde und zu uns Menschen und damit auch wieder hin zu unseren Siegen im Alltag.
Wir kennen alle die Siege bei Olympischen Spielen, bei Weltmeisterschaften oder anderen sportlichen Großereignissen, wenn eine ganze Nation über den erfolgreichen Helden oder die erfolgreiche Athletin jubelt. Wenn Tausende oder sogar Millionen vor den TV-Geräten sitzen und sich die Nägel beißen, vor Aufregung zittern und kaum noch hinschauen können. Wenn die Herzen wild pochen und bei einem Sieg ein Aufschrei durch Tausende Kehlen kommt und sich die Menschen jubelnd umarmen. Ein Sieg. Hurra! Wunderschön, und es wird gefeiert und gelacht, getanzt und gesungen.
Jeder Sieg tut der Seele gut, wenn man sich davon betroffen fühlt. Und das Schöne dabei, man muss selbst gar nicht aktiv mitmachen, es genügt durchaus, wenn man zusieht und sich mit den Siegern freut. Je größer das Ereignis, desto größer wahrscheinlich auch die Freude darüber. Was die Menge betrifft.
***
Doch es gibt auch die kleinen Siege. Siege, von denen nur Wenige wissen, und es gibt sogar Siege, von denen nur ein einziger weiß. Auch solche Siege können wunderschön sein und sich über unsere Seele ergießen wie ein Hauch von Frühlingsduft, wenn er durchs offene Fenster an ein Krankenlager dringt und der im Bett Liegende diesen Duft mit geschlossenen Augen in sich zieht, und der Hauch eines Lächelns über sein Gesicht gleitet.
Ein Mann hat mir einmal folgende Geschichte erzählt, bei der es sich um einen wunderbaren Sieg handelt, der auch mir zu denken gab.
Eigentlich lagen die zwei, um die es hier geht, um diese Zeit noch nicht in ihrem Ehebett. Beide hatten ihre Nachttischlämpchen angeknipst, er schmökerte in den Satiren Kishons, während seine Gemahlin leisen Musikklängen aus dem Radiowecker lauschte.
"Ich muss dir was sagen."
Schon am Tonfall erkannte er, dass sie ihm nichts Angenehmes mitteilen wollte. Er wandte seine Aufmerksamkeit vom Gedruckten weg, zu ihr hin.
"Was gibts?"
Wie das bei Menschen oft ist, die bereits jahrelang gemeinsam den Lebensweg beschreiten, erahnte er, was kommen würde. Diese Art Telepathie war ihm durchaus nicht immer angenehm, vor allem dann nicht, wenn seine Frau damit gelegentlich seine Gedanken erraten konnte.
"Ich bin schon mehr als einen Monat über die Zeit."
"Hm, über die Zeit also, du meinst ..."
Kein Laut war zu hören. Nur das Surren einer Fliege unterbrach die Stille.
"Ich meine nicht nur, es ist so."
"Du nimmst doch die Pille", sagte er nachdenklich. "Wie ist es dann möglich?"
"Du weißt doch genau, dass ich damit aufgehört hab, weil ich sie nicht mehr in den Hals hinunterbrachte, nach zehn Jahren Schluckerei."
Vorwurfsvoll blickte seine Frau zu ihm hin.
"Ach ja, stimmt, hätte ich beinah vergessen. Und du bist sicher ..."
"Völlig sicher!", unterbrach sie ihn, seufzte und wischte sich mit der Hand über die Augen, so als wollte sie ein unerwünschtes Bild damit vertreiben.
"Wie konnten wir dann nur so unvorsichtig sein!"
"Ja, es ist zu blöd! Aber ich hab schon eine Adresse."
Es schneite wie verrückt an jenem Morgen. Schon die ganze Nacht über war die weiße Pracht vom Himmel gefallen, und so stapfte er durch die verschneite Winterlandschaft in Richtung Firma. Seine Füße durchpflügten den Schnee, der in Form riesiger Flocken vom Himmel segelte, doch es war nicht mehr das Weiß, wie er es noch als Kind genossen hatte, damals, als er mit seinen Freunden sorglos im Schnee umhertollte und sie den Durst mit dieser frisch gefallenen Himmelsgabe stillten. Heute würde er niemandem mehr raten, Schnee zu essen. Bei all dem Dreck aus den Schornsteinen, von Tausenden stinkenden Auspuffanlagen und den Himmel verpestenden Rückständen aus dem Flugverkehr. Der auch mit jedem Schneefall vom Himmel segelt.
Nur zwei Stunden verbrachte er in der Firma. Schneller als hin, eilte er wieder zurück zu ihrer Wohnung. Vom Chef hatte er sich sechs Stunden Zeitausgleich erbeten, weil er mit seiner Frau zum Facharzt fahren müsste.
Seine Gattin war für 11.30 Uhr bei jenem Arzt bestellt, der sie für eine stattliche Summe von ihren Sorgen befreien sollte. Zwar eine Menge Geld, doch ein geradezu lächerlicher Pappenstiel gegenüber dem, was ein Kind an finanziellen Mitteln verschlingt, bis es erwachsen ist. Doch die beiden waren absolut selbst schuld an dieser Misere! Und jetzt hatten sie sich zu diesem Schritt entschlossen, wo es doch heute viele immer wieder machen lassen und außerdem in diesem frühem Stadium durchaus legal war.
Der Schneefall war noch immer dicht und die Fahrer schlichen deshalb eher dahin, als dass sie fuhren. Dennoch versuchte er seinen Zeitplan einzuhalten.
"Ras' doch nicht so! Willst du uns alle in den Tod fahren?"
Vorwurfsvoll kam es aus dem Mund seiner Frau, als es sie in einer langgezogenen Kurve heftig schleuderte. Doch sie hatten Glück, es blieb beim Schleudern. Obwohl die Straße durchgehend mit Schneematch bedeckt war, drückte er das Gaspedal weiterhin gefährlich weit nach unten. Zwei Erwachsene und ein Kind im Mutterleib fuhren ihrem Ziel entgegen. Es war kein schönes Ziel, denn für einen von ihnen bedeutete es den sicheren Tod!
Um 11.30 Uhr passierten sie die Ortstafel. Die Schneeräumung war voll in Gang und aus dem vorerst flüssigen Verkehr hatte sich allmählich eine Kolonne gebildet. Leuchteten denn alle Ampeln nur noch rot, ging es denn nur noch im Schritttempo voran? Seine Finger trommelten nervös ans Lenkrad und sein Blick war bereits mehr auf die Uhr als auf die Straße gerichtet.
Endlich waren sie am Ort ihrer Bestimmung angelangt. Geschafft! Ein Stein fiel den beiden vom Herzen. Hastig drückte er ihr einen Kuss auf die Wange, wünschte ihr alles Gute, und schon war sie hinter der Eingangstür zur Arztpraxis verschwunden.
Eine Straße weiter weg fand er einen Parkplatz und vom nahen Dom läuteten die Mittagsglocken. In dicke Mäntel gehüllt stapften die Menschen durch die Straßen, doch es hatte bereits aufgehört zu schneien und die Sonne bahnte sich ihren Weg durch die Wolkenschicht und warf ihre Strahlen auf die Winterlandschaft, während er in Richtung Ordination ging. Eine junge Mutter schob einen Kinderwagen vor sich her. Jetzt würde sie wohl schon unter dem Messer liegen. Hoffentlich ging alles gut.
"Hallo, da bin ich!"
Eine ihm nur allzu vertraute Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Erstaunt blickte er auf und sah sie auf dem Gehsteig stehen. Das konnte doch nicht wahr sein.
"Was ist los, wie gibts denn so was?"
"Wir sind zu spät gekommen. Bis kurz vor zwölf hat der Doktor gewartet, dann ist er in die Klinik gefahren. Wir haben ihn um Minuten verpasst. Ich soll morgen wieder kommen, hat die Ordinationshilfe gesagt."
Fassungslos starrte er seine Frau an.
"Das ist doch nicht möglich!"
Schweigend gingen sie den Weg zurück zum Auto. Die weite Fahrt, bei der sie beinahe Kopf und Kragen riskiert hatten, war also umsonst gewesen und morgen sollten sie diese Prozedur womöglich nochmals durchmachen müssen? Friedlich lag der Park vor ihnen, die Sonne erwärmte die Mittagsstunde und schwer hing der Schnee an den Sträuchern und auf den Bäumen. Einige Kinder hatten ihre Schultaschen weggestellt und bauten einen Schneemann, andere rutschten von einem riesigen Schneehaufen und johlten dabei vor Freude, wieder andere spielten Fangen und bewarfen sich mit Schneebällen. Eine alte Frau fütterte Spatzen, Tauben, Amseln.
Überall Leben ...
Waren es Tränen des Leides, im Wissen um die bevorstehenden Schmerzen, Sorgen und Entbehrungen, oder doch Tränen der Erleichterung und Freude auf diesen himmlischen Segen, die seiner Frau aus den Augen quollen, als es ihm in diesem voll von Leben sprühenden Park gelang, sie zu überzeugen, dass sie das in ihrem Körper keimende Leben nicht zerstören dürften?
Hatte bloß der Zufall das Leben ihres Kindes gerettet oder handelte es sich dabei um echte Bestimmung, der wir in manchen Situationen unseres Daseins hilflos gegenüberstehen? Wie auch immer. Nach mehreren Monaten lag er quietschvergnügt in seinem Gitterbettchen, zappelte mit seinen Beinen und lachte ihnen entgegen. Ihr Sohn.
Der wohl allerschönste Sieg in ihrem Leben!
***
Doch es gibt nicht nur schöne Siege. Es gibt auch Siege, die sich in weiterer Folge total verwandeln, ganz so wie sich der Clown im Zirkus verwandelt, wenn er nach der Vorstellung in seinen Wohnwagen zurückkehrt, noch immer den Applaus in den Ohren. Müde den Hut mit der Blume daran abnimmt, die allzu großen Schuhe auszieht, aus der riesigen Hose steigt, in die alten Hausschlappen schlüpft und durchs Fenster in die finstere Nacht starrt. Er friert nicht nur wegen des Schneewinds, der um seine Behausung pfeift. Irgendwie spürt er diese Leere in sich, das Kreuz tut ihm weh und auch seine Füße schmerzen.
"Wie lange wirst du noch durchhalten?"
Die Stimme aus seinem Inneren dringt an seine alten Ohren und mit Wehmut denkt er zurück. Doch jetzt? Jetzt ist er ein alter Mann geworden ...
Männer in der Mitte ihres Lebens, Männer mit Familie, zig Jahre verheiratete Männer, fleißige Männer, gut funktionierende Männer, Männer mit zwar Wünschen und Gedanken, aber doch Männer, die Abend für Abend ins Ehebett schlüpfen und ihrer Gemahlin einen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn drücken. Männer bedrückt vom Leben und den tausendfachen Pflichten und Sorgen im Alltag. Männer nicht selten verbraucht an Leib und Seele, Männer mit Bäuchen, Männer mit Falten im Gesicht, Männer, die nach und nach miterleben, wie der eine oder andere Traum in ihrem Leben eben nur ein Traum geblieben ist. Männer, die täglich zur Arbeit latschen, erfolgreiche Männer mit dicken Brieftaschen, Männer mit Glatzen, Männer mit schicken Karossen, schüchterne Männer, Männer mit großen Sprüchen auf den Lippen, sich betrinkende Männer, brav zu Hause bei ihrer Gattin sitzende Männer.
Die Palette solcher Männer könnte ich hier seitenlang fortsetzen, und würde vermutlich dennoch zu keinem Ende kommen, weil es die verschiedensten Arten von Männern gibt, und die mannigfachsten Umstände, unter denen sie ihr Leben abwickeln müssen. Und doch, eines haben diese Männer vielfach gemeinsam: Irgendwann in der Mitte ihres Lebens geraten sie in eine Krise.
Manche in eine ganz gewaltige, andere wieder werden von solchen Krisen eher nur gestreift. Wie beim Wetter eventuell. Der eine steht mitten im Hurrikan, einem anderen tobt nur der Sturm um die Ohren. Der eine kommt in seinem Hurrikan um, dem anderen fliegt nur ein dürrer Ast auf den Kopf, ohne größeren Schaden anzurichten.
Und dazwischen? Da gibt es die Orkane, die Blizzards, die Gewitter mit Blitz und Donner und Murenabgängen, die peitschenden Regengüsse mit Überschwemmungen, die Hitzeperioden mit Dürreschäden und noch vieles mehr - um die Krisen hier ein wenig mit solchen Wettersituationen zu vergleichen. Natürlich gibt es hin und wieder auch ein Erdbeben und das Leben liegt danach in Trümmern, kaum noch wert, weitergelebt zu werden. Und exakt in dieser Krisenzeit sind Männer stark gefährdet. Mir scheint es fast so zu sein, als wenn sie dabei ihren Panzer abgelegt hätten. Wie früher die Ritter, wenn sie bei einer Rast von ihrem Pferd gestiegen sind und sich zur Erholung ein wenig ins Gras gelegt hatten. Wenn ihnen da jemand an den Leib gerückt wäre, dann hätte das schlimm ausgehen können.
Zurück zur Realität und weg von solchen Vergleichen, hin zur Krise und hin zum Sieg, weil ich ja von Siegen sprechen will und nicht von Niederlagen.
Jede Krise bringt vielleicht so etwas wie ein Aufbäumen mit sich. Wahrscheinlich eine Art Schutz der Natur, sich nicht sofort und total unterkriegen zu lassen. Und mit diesem Aufbäumen entwickeln diese von der Krise geschüttelten Männer oftmals gewaltige Kräfte, sofern sie nicht schon zu Verlierern geboren wurden, die sich sozusagen von miesen Lebensumständen willenlos niedermachen lassen.
Die allerschlimmste Zeit seiner Midlife-Crisis hatte unser Mann, von dem hier die Rede ist, wohl bereits überstanden. Es waren schreckliche Wochen, Monate, ja vielleicht sogar Jahre, in denen ihn die Unzufriedenheit mit seinem Leben peinigte, wie das vielleicht in einer Nacht eine Hand voll Stechmücken machen kann, die einem den Schlaf rauben und immer wieder zustechen - ohne Chance, diesen Biestern zu entkommen, weil man vergessen hat, sich mittels einer Creme, eines Sprays, oder in einer Gegend voll von Stechmücken, eventuell sogar mit einem Moskitonetz vor diesen Blutsaugern zu schützen.
So ähnlich kam es unserem Mann vor, als ihn vor nicht allzu langer Zeit diese besondere Art von Unzufriedenheit immer wieder und immer öfter übermannt hatte und sich tief in seinem Herzen festsaugte. Irgendwann begann er sich dagegen innerlich aufzulehnen und er wollte diese Gedanken verscheuchen. Diese lähmenden Gedanken, weder zu Wohlstand noch zu Ansehen gekommen zu sein, verbunden mit oftmals aufkommenden Ängsten und Gefühlen, älter und schwächer zu werden. Er wollte nochmals kämpfen und nicht tatenlos zusehen wie sich seine Lebenssonne allmählich am Horizont hinabneigte und die Schatten immer länger wurden.
Doch wie sollte er dies anstellen?
Sein Leben war ja irgendwie eng geworden in all den Jahren, und es schien beinahe so zu sein, wie wenn ein Zug sich auf einer Strecke in eine genau vorgegebene Richtung fortbewegen würde. Einbahnig. Manchmal wollte er schneller fahren, doch da waren die Eng-Stellen und die Geschwindigkeitsbeschränkungen. Und auch die Strecke blieb gleich. Tagtäglich die exakt gleiche Strecke. Und die Wägelchen, die er hinter sich herzog, das waren seine Frau und seine Kinder.
Da entdeckte er durch Zufall diesen neuen Waggon auf einer Nebenstrecke - oder handelte es sich dabei um gar keine Nebenstrecke, befand sich dieser Waggon sogar ganz in seiner Nähe, womöglich sogar in seinem unmittelbaren Bereich? Doch ziehen würde er ihn nicht können. Wo doch seine Frau an ihm hing ...
Er saß hinter seinem Schreibtisch, als sich die Tür öffnete und die Oberschwester eintrat. Hinter ihr ein Mädchen oder soll ich sagen eine Frau? Jung, sehr jung, das sah er mit einem Blick.
"Darf ich dir die neue Kollegin vorstellen?"
Unser Mann erhob sich und die beiden streckten sich die Hände entgegen. Die Hand der Neuen war zart und gut anzufassen.
"Freut mich."
Die junge Kollegin lächelte kaum merklich als sie leise ihren Namen sagte, und er blickte erstmals in diese Augen. Dunkle Augen und dazu als Kontrast sozusagen das Blond der Locken. Und der Mund mit wunderschönen Lippen.
Als die beiden bereits wieder gegangen waren sah er diese Frau noch immer vor sich. Hm, neue Kollegin also. Sieht gut aus. Beim Mittagstisch trafen sich die beiden wieder. Eher zufällig kamen sie genau vis-a-vis am Tisch zu sitzen. Er löffelte in seiner Suppe, gleich wie alle anderen am Vierer-Tisch. Dann hob er seinen Kopf und blickte zur Neuen hin. Eigenartig, auch sie hob im gleichen Moment ihren Kopf und ihre Blicke trafen sich zum zweiten Mal an diesem Tag. Einen kurzen Augenblick nur länger als dies vielleicht üblich gewesen wäre tauchten sie ineinander. Er sah in dieses warme Dunkel und plötzlich war es ihm als wäre in seinem Inneren ein Licht angezündet worden ...
***
Es ging ihm vielleicht so wie es wohl den allermeisten Männern seiner Altersstufe irgendwann einmal ergehen wird, wenn sie bereits mehr als zehn Jahre Eheleben hinter sich haben. Wobei man die Jahre nach dem ersten Ehe-Jahrzehnt vielleicht exakter mit Ehe-Trott beschreiben könnte, was durchaus nicht abwertend gemeint sein soll. Das ist eben so und kann gar nicht anders sein - und jeder, der behauptet, dass das Feuer nach zehn oder mehr Jahren noch gleich hoch brennt wie am Beginn der Lebensgemeinschaft, der lügt sich selbst etwas vor. Freilich nur dann, wenn dabei jemals ein Feuer der Liebe und Leidenschaft vorhanden war.
Es gibt natürlich Ausnahmen, wie es sie in allen Lebenslagen gibt. Nicht umsonst heißt es ja: "Ausnahmen bestätigen die Regel!" Eine solche Ausnahme könnte sein, wenn sich zwei aus irgendwelchen anderen Gründen entschließen, eine Ehe einzugehen, ohne ineinander entflammt zu sein. Vielleicht entzündet sich dann so ein Feuer tatsächlich noch nach vielen gemeinsamen Jahren. Für mich zwar undenkbar, aber das könnte durchaus sein. So ein Fall liegt hier nicht vor. Hier handelte es sich um eine Liebes-Ehe, und darüber hab ich ja bei meinen Gedanken über die Ehe schon berichtet. Und welcher Mann würde sich nicht nach einem kleinen erotischen Abenteuer in seinem Alltag sehnen, speziell dann, wenn das ganz helle Licht in seinem momentanen Dasein nirgendwo zu erblicken ist.
Irgendjemand hat einmal behauptet, dass die allerbravsten Ehemänner nur dreimal in ihrem Leben fremdgehen. Die allerbravsten. Das sind womöglich die mit einer Behinderung irgendeiner Art. Impotent Gewordene womöglich oder total Unattraktive. Was weiß ich. Ein halbwegs normaler Mann mit einem halbwegs normalen Aussehen und nur einer halbwegs ansprechenden Art sich zu geben, der wird mit drei Mal wohl kaum das Auslangen finden.
Wie war das bei unserem Mann?
Die ersten sieben Jahre passierte überhaupt nichts. Doch dann wechselte er in einen Beruf mit eher erotischer Umgebung und sosehr er sich auch zurückhielt, hin und wieder war ein harmloser Seitensprung ganz einfach nicht zu vermeiden. Doch niemals wollte er dies mit irgendwelchen Frauen aus seiner unmittelbaren Umgebung machen und niemals mit einer Berufskollegin. Denn seine Ehe wollte er damit auf gar keinen Fall gefährden. Und stets sollte es bei "einmaligen" Erlebnissen bleiben - ohne gefährliche Nebenwirkungen und eher als Antrieb und Motor für sein sexuelles Ehe-Dasein wirken.
Ich spreche hier von Männern und kann ja als Mann nicht gut von derartigen Zuständen, Wünschen, Sehnsüchten und natürlich auch Taten von weiblichen Wesen sprechen. Aber ich nehme an, es verhält sich in etwa gleich. Wobei der Mann eher zu flüchtigen Abenteuern neigt, die Damenwelt dabei tiefer geht. Wenn es bei einer Frau passiert, dann bleiben sehr oft nicht nur Spuren zurück. So oder ähnlich wird es wohl sein.
***
Zurück zu unserem Mann und zur neuen Kollegin. Sie war soeben aus einer Beziehung ausgestiegen mit allem, was dazugehört. Weg vom Partner, Wechsel des Berufes, Wegziehen in eine neue Umgebung. Genau die Situation, in der so ein "Wildbret" einem möglichen Jäger wie geschaffen zum "Abschuss" vor die Flinte läuft. Doch sie war natürlich kein Wildbret. Ganz im Gegenteil. Sie war eine wunderhübsche Erscheinung und unser Mann durchaus kein Jäger.
Es ging ihm vielleicht so wie einem eher müden Wanderer, der plötzlich diese Quell, dieses frisch sprudelnde Wasser entdeckt. Und - er war durstig von seiner langen Wanderung durchs Leben. Sie war diese Quelle, v on ihr ging dieses Sprudeln, diese Frische, dieses Leuchten aus. Plötzlich hörte er wieder die Vögel singen, wenn er an sie dachte. Spürte dieses neue Erwachen in sich. Dieses Gefühl, wenn er in ihre Augen blickte und sie ihm zulächelte.
Täglich sahen sich die beiden, arbeiteten sie ja in der gleichen Firma und der Stecker war ja bereits in der Dose, seit sich ihre Blicke gleich beim ersten Mal so schicksalhaft ineinander verkeilt hatten - und sie hatten es wohl beide noch gar nicht so recht begriffen, da trieben sie bereits mitten auf dem Strom dahin. Zwei von diesem Gefühl "Infizierte" in einem Schlauchboot hin zu den Niagara-Fällen. Und das Tosen der hinabstürzenden Wassermassen war bereits zu vernehmen ...
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Ein ganz gewaltiger Sieg des vielleicht stärksten aller menschlichen Gefühle über jegliche Vernunft!
Doch so wie es nur in den wenigsten Fällen ein Licht ohne Schatten gibt, so gibt es wohl auch kaum jemals einen Sieg ohne die dazugehörende Niederlage ...