Es gibt Menschen, die gehen in Gedanken versunken durch den Wald und hören so gut wie nichts. Oder sie sind zwar nicht in Gedanken versunken aber schwerhörig. Auch diese Bemitleidenswerten werden nichts hören von all den wunderbaren Geräuschen, die im Wald zu vernehmen sind. Doch nicht nur Hörgeschädigte werden manchmal nichts vernehmen, zumindest nichts bewusst vernehmen oder hören. Warum? Weil ihr Inneres nicht bereit ist, diese Klänge aufzunehmen oder sie durch eine ständige Lärmberieselung die Sensibilität verloren haben, richtig hinzuhören, zu horchen, zu entdecken und das Vernommene in sich aufzunehmen.
Den Wald habe ich ganz bewusst hier als Vergleich hergenommen, weil er nicht nur viele Geräusche beinhaltet, sondern es auch einer gewissen Sensibilität bedarf, diese oftmals feinen und kaum vernehmbaren Geräusche zu hören. Nicht nur, wenn der Wind Baumstämme zum Ächzen bringt, wenn sie sich ganz leicht bewegen. Ganz sanfte Winde bringen das schon zuwege bei den Tannen und Fichten. Sehr gut ist in Mischwäldern zumeist das Rauschen der Blätter zu hören, ebenfalls vom Wind ausgelöst oder man hört das Pochen eines Spechtes, wenn er mit seinem Schnabel in einer beinahe unglaublichen Geschwindigkeit das Holz bearbeitet. Wer genau hinhört, der kann im Sommer auch das Summen der Insekten vernehmen, wenn sie durch den Wald schwirren, das Knacken der dürren Äste, auf die man steigt, und natürlich ist auch das Summen einer Hummel zu hören, wenn sie aus ihrem Erdloch fliegt und sich an den Blüten irgendwelcher Gewächse gütlich tut. Mit guten Ohren ausgestattet und bei ein bisschen Schleichen durch den Wald kann man hin und wieder auch das Meckern eines Rehs hören oder den Ruf eines Rehbocks, der sich beinahe wie Hundegebell anhört. Wenn die Hirsche zur Brunftzeit laut durch den Tann röhren, dann werden dies auch eher nicht allzu sensible Ohren gut vernehmen.
Es gibt noch viel im Wald zu hören, vor allem viele Vogelstimmen, den Kuckuck speziell im Mai, Amseln, die wunderschön bei einbrechender Dämmerung ihre Gesänge vortragen, Meisen zwitschern, Krähen sind zu jeder Tageszeit gut zu hören wie auch die Schreie der Bussarde, wenn sie hoch über den Wipfeln kreisen und sich beinahe schwerelos vom Wind tragen lassen. Doch es gibt auch Geräusche im Wald, die bei mir weniger Freude auslösen, dann, wenn Motorsägen Bäumen den Garaus machen und meine Freunde krachend ihr Leben lassen, um in weiterer Folge auf dem Boden liegend bearbeitet zu werden. Ebenso, wenn gewaltige Stürme eine Schneise durch den Wald reißen und wie nach einem Erdbeben in einer Stadt alles in Trümmern liegt. Zum Glück passiert das nicht allzu oft und die positiven und den Ohren wohltuenden Geräusche überwiegen und sind hin und wieder wahre Freudenspender auch für meine Seele.
Doch nicht vom Wald will ich hier berichten, wenn ich über Stimmen schreibe. Das war nur eine kleine Einleitung, um aufmerksam zu machen, dass es eigentlich beinahe überall in unserem Dasein etwas zu hören gibt, dass auch in Zonen anscheinend absoluter Ruhe und Stille Stimmen an unsere Ohren dringen, und wenn von außen momentan absolut nichts zu hören ist, dann kommen speziell in solchen Augenblicken oftmals die inneren Stimmen zum Vorschein, flüstern uns etwas zu oder bedrängen uns hin und wieder regelrecht und nehmen unsere Sinne gefangen.
Bevor ich zu unseren menschlichen Stimmen komme, muss ich noch ein bisschen von anderen Stimmen berichten. Hunde sind für mich ein gutes Beispiel, was man alles aus Stimmen herausfiltern kann. Da ist es zumeist wirklich nicht notwendig, den Hund selbst zu sehen. Wer gut hört und sensibel genug ist, der kann allein auf Grund des Gebells eines Hundes erkennen, ob der Hund groß ist oder ein kleiner Pinscher, ob er freudig oder wütend bellt oder eher ängstlich kläfft mit sozusagen eingezogenem Schwanz. Dazu braucht er nicht einmal zu winseln. Und wenn ein Wolf in einer mondhellen Nacht zu den Sternen heult, dann wird ein Heulen auch nicht gleich wie ein anderes sein, manchmal wird es sich nach Klagen anhören, das andere Mal wird vielleicht ein Gefühl von Sehnsucht mitschwingen oder das Heulen zeugt von Zuversicht und Lebensfreude.
Alljährlich nehme ich im September am Balaton an einem Tennisturnier für Senioren teil, logiere in einer netten Pension bei lieben Menschen. Und in den Nächten, wenn ich das Fenster gekippt habe, um frische Luft ins Innere zu lassen, da gibt es dann dieses Konzert, das mich immer wieder von neuem fasziniert. Das Konzert der Hunde. Die tiefen Bässe der Bernhardiner, Rottweiler oder Bluthunde mischen sich mit den Tenorstimmen der Dackel, Pudel und Zwergpinscher, dazu kommen Baritons aller mittelgroßen Rassen alles zusammen in einer Orgie von Tönen und Gebell beinahe durch die ganze Nacht. Kläffende Terrier sind ebenso zu vernehmen wie zorniges Gebell von Schäferhunden, wenn Passanten nächtens an Gebäuden vorbeigehen, wo diese Wachhunde ihres Amtes walten und mit gefletschten Zähnen an die Gitter der Zäune springen. Manchmal knurren, anstatt zu bellen und wehe dem, der es wagen sollte, über den Zaun zu klettern oder eine Tür oder ein Tor aufzubrechen.
Zugegeben, vorerst wollte ich allein wegen dieser Lärmbelästigung nicht mehr dort wohnen, hat doch der sehr nette Pensionsbesitzer selbst zwei Hunde im Einsatz. Doch ich hab mich mittlerweile an diese Konzerte und auch an das Anbellen beim täglichen Erscheinen gewöhnt. Der Lazlo und seine Familie sind dafür verantwortlich, dass das Positive das Negative sozusagen überwiegt. Obwohl Hundegebell wahrlich nicht zu jenen Lauten gehört, die meine Ohren erfreuen können, und wenn die Köter nicht nur am Tag, sondern auch nächtens andauern kläffen und damit meine äußere und auch innere Ruhe stören, dann muss ich immer nach sehr viel Toleranz in mir graben, um das auch nur irgendwie akzeptieren zu können.
Sehr viele Tiere verständigen sich untereinander mit ihren Stimmen. Sie warnen sich gegenseitig vor Gefahren, sie können Angst ebenso ausdrücken wie Freude und Zuversicht. Bekannt sind auch Lockrufe vor allem in Paarungszeiten, und wenn Wale miteinander kommunizieren, dann bleibt uns Menschen manchmal der Mund vor Staunen offen. Es gibt schmerzerfüllte Schreie, wenn Beutetiere gerissen werden, und es gibt andererseits dieses wohlige Schnurren einer Katze, wenn sie sich an uns schmiegt und sich mit uns des Lebens freut.
Kommen wir jetzt jedoch zu unseren menschlichen Stimmen.
Wie sind sie, was drücken sie aus, können wir allein aus der Stimme auf die Bauart eines Menschen schließen, und was für mich noch viel interessanter ist, können wir aus der Art der Stimme und deren Klang den inneren Zustand eines Menschen erkennen? Kann man seine Stimme verstellen und wozu sollte das gut sein? Vor allem diese letzte Frage ist für mich interessant, um nicht zu sagen, faszinierend. Die Stimme als Abbild für den Menschen, aus dem sie an unsere Ohren dringt. Darüber wollte ich einmal ein bisschen hinschreiben für Leser, die sich wie ich zu Stimmen hingezogen fühlen und gerne Stimmen aller Arten lauschen.
Es gibt alle möglichen Arten von Instrumenten, denen Menschen Töne und Klänge abringen und sie mit Hilfe eines Orchesters oder auch solo in wunderschöne Musikstücke verwandeln. Es gibt unendlich viel Schönes auf diesem Planeten und ein Teil davon ist sicher die Musik. Erzeugt von Menschen, die Instrumenten solch Ohrenschmaus entlocken. Natürlich sind hier die Geschmäcker verschieden, und wenn ich zum Beispiel diese neuzeitlichen Kompositionen mit einem für mich fürchterlichen Wirrwarr von Klängen in total disharmonischer Art anhöre, dann würde ich mir für diesen Moment wünschen, schwerhörig zu sein. Doch dann wieder gibt es Klänge wie vom Himmel selbst komponiert, wo Herz und Seele aufgehen und Gefühle von höchster Freude und auch Glück durch mein Inneres schweben.
Was ich sagen will. Es wird behauptet, dass die menschliche Stimme zusammen mit der Geige das vielleicht allerschönste Instrument darstellt. Das hab ich zumindest einmal irgendwo vernommen. Wobei ich nicht weiß, ob man mit einer Geige die schönsten Klänge hervorzaubern kann, andere Menschen vielleicht sogar meinen, Trommeln würden schöner klingen
Wie auch immer, die menschliche Stimme ist ein wunderbares Geschenk an unsere Spezies und nicht nur Zeichen unserer äußeren Erscheinung, sondern untrüglich damit verbunden auch Gradmesser unseres inneren Gefühls-Zustands. Aus der Stimme eines Menschen kann man erlauschen, wie der Mensch gebaut ist, was er empfindet, ob jemand mutig und entschlossen seinen Weg geht oder im anderen Falle von ängstlicher Natur ist, nachgiebig und angepasst. Wer das Brüllen eines Löwen in einer Nacht in der Serengeti nah mit anhören kann, der wird den Unterschied merken zum angstvollen Piepsen eines soeben aus dem Nest gefallenen Vogel-Jungen. Doch nicht immer werden wir allein aus der Stimme auf den Körperbau eines Menschen schließen können. Denken wir nur an riesenhafte Eunuchen, die mit zarten Stimmen sich in den Harems der Scheichs an die ihnen anvertrauten weiblichen Schönheiten wenden, weit davon entfernt sich herrisch wie ein russischer Kavallerie-Oberst allein mit einer rauen, tiefen Donnerstimme Respekt bei seinen Untertanen zu schaffen. Dennoch will ich hier einen Versuch wagen, allein aus der Stimme auf den Körperbau, den Gemütszustand und das genetische Erscheinungsbild eines Menschen zu schließen ohne ihn zu sehen oder gesehen zu haben.
Bleiben wir vorerst bei den Männern. Eine dunkel gefärbte Bass-Stimme wird wohl kaum aus dem Mund eines klein und zart gebauten Mannes kommen. Viel eher ist sie Wahrzeichen eines groß gewachsenen hageren Typs, der mit festen Schritten des Weges schreitet. Je gefestigter dieser Mensch in seinem Inneren ist desto klarer, deutlicher und fester wird sich auch seine Stimme anhören. Doch auch bei einem strammen Zeitgenossen wird sich in Situationen von Angst, Trauer, Verzweiflung, Schmerz, Verunsicherung, oder andererseits Freude, Glück und innerer Ergriffenheit seine Stimme dieser inneren Verfassung anpassen. Je größer die Angst, die Trauer, die Verzweiflung und der Schmerz ist desto höher wird diese ansonsten so starke dunkle Stimme mit einem Schlag werden. In Anfällen von Wut wird sie wie ein Sturmwind aus seinem Mund pfeifen, bei Verunsicherung zittrig und schaumgebremst aus dem Inneren des Verängstigten an unser Ohr dringen. Und nur der echte Schauspieler kann seine Stimme verstellen. Doch für geübte Ohren ist auch dieses Verstellen gut vernehmbar und ein einziger Blick in die Augen des Schauspielers wird genügen, den wahren inneren Zustand unseres Gegenübers zu erkennen oder zumindest zu erahnen. Denn Augen können nicht wie Stimmen verstellt werden und richtige Augen-Diagnostiker sind sogar in der Lage, jede Gemütsregung und sogar Krankheiten aus Augen abzulesen.
Bleiben wir jedoch bei den Stimmen. Je größer die innere Erregung desto höher wird der Tonfall der Stimme ausfallen. Aber nicht nur höher, auch lauter wird der Klang aus dem Mund dringen. Bei starken Schmerzen wird man ein Stöhnen und Wimmern vernehmen können, die diese innere Hilflosigkeit sehr deutlich zum Ausdruck bringen wird. Bei einem verunsicherten Menschen in einer Stress-Situation wird die Stimme leicht beben als deutlich merkbares Zeichen dieser inneren Erregung. Wer um Gnade fleht, dessen Stimme wird eher leise und nicht allzu deutlich zu hören sein. Ein zornig Erregter wird dieses Gefühl wie Donnergrollen aus seinem Mund hervorschmettern. Der Schmeichler wird seine Stimme seinem unvorteilhaften Tun anpassen und allein der Tonfall wird verraten, welch unseriöses Ansinnen er im Schilde führt. Das Jauchzen eines in Glücksgefühlen Schwelgenden wird nicht von ungefähr manchmal mit Engelschören verglichen, wenn Glückshormone aus der Brust des Beglückten über den Mund in die Freiheit purzeln. Wer Schweres in sich birgt und sich dazu äußern soll, dessen Stimme wird diese Schwere deutlich merkbar widerspiegeln und in dumpfen, vielleicht sogar stöhnenden Tönen zu Tage treten.
Natürlich ist das bei Männern und Frauen in etwa gleich, wobei die weibliche Stimme naturgemäß so angelegt ist, dass sie um einiges heller ausfällt als beim Mann. Doch es gibt durchaus auch Frauen mit tiefen Stimmen, ganz gleich wie es auch Männer gibt, bei denen die Laute aus ihrem Mund eher wie das Piepsen eines Vogels denn das Wiehern eines Hengstes an unser Ohr dringen. Niemals wird ein mit zarter Statur versehener Mann eine Bass-Stimme sein Eigen nennen, ebenso wird keine grobschlächtige Frau mit riesigen Körpermaßen mit weicher, zarter Stimme durch ihr Leben gehen. Wenn eine Frau raucht, dann wird das ein Kenner allein aus ihrer Stimme sofort erkennen.
Das waren einige meiner persönlichen Gedanken zu Stimmen, und es ist faszinierend, die verschiedenen Stimmen zu hinterfragen und zu erfahren, welche Person in welcher Gemütslage mit welcher Stimme agiert. Die Stimme wird uns also nicht nur über den Körperbau eines Menschen informieren, sie wird auch untrüglich den Gemütszustand unseres Gegenübers zum Ausdruck bringen. Wenn wir hellhörig genug sind und den Klang und die Zeichen der Stimme zu analysieren verstehen.
Etwas hab ich doch noch vergessen: Ich kenne ein weibliches Wesen, deren Stimme mich richtiggehend fasziniert. Nicht nur ihre wunderschön leuchtenden blauen Augen. Jedesmal, wenn ich diese Stimme höre, dann regt sich etwas in mir und ich muss daran denken - ob ich will oder nicht.
Woran, wollen Sie nun vielleicht wissen? Na ja, diese Stimme klingt ganz einfach wahnsinnig erotisch ...