Es ist dunkel im Zimmer, obwohl die Vorhänge nicht zugezogen sind, und nur ganz leicht dringt das Grau des anbrechenden Tages durch die Scheiben ins Innere. Auch in mein Inneres, denn auch hier ist es heute wieder irgendwie dunkel. Ich höre den Wind ums Haus pfeifen und die Fensterbalken vom Nachbarhaus schlagen ans Gemäuer. Schneewind, und die Flocken werden wohl eher waagrecht als senkrecht dahinsegeln.
Gestern hat der Wetterbericht Schneefall für heute vorausgesagt und Kälte, und genau das scheint eingetroffen zu sein. Auch bei mir ist letztlich das eingetroffen, was ich mir keinesfalls gewünscht, aber doch irgendwie befürchtet habe.
Und jetzt?
Ich liege seit einiger Zeit wach, meine Augen versuchen das Dunkel zu durchdringen, ich höre die Wanduhr leise ticken, irgendwie scheint sie mit dem Wind um meine Gunst zu kämpfen. Doch ihr Ticken ist eher beruhigend, ganz zum Unterschied vom Pfeifen des Windes. Das wühlt mich irgendwie auf, weil es nicht gleichmäßig pfeift, sondern einmal stark aufbraust und dann wieder nachlässt.
Eigentlich bin ich überrascht, dass es mich wieder erwischt hat mit diesen Gefühlen, weil ich gedacht hab, dass ich endgültig darüber hinweg wäre und in den letzten zwei, drei Jahren schwarzen Gedanken und bedrückenden Gefühlen immer schon im Ansatz die Tür weisen konnte. Doch jetzt? Seit ich weiß, wie es um mich steht, seit die Biopsie gnadenlos meinen echten Zustand zutage gefördert hat mit dem eindeutigen Ergebnis, dass der Krebs nach mir greift und mich in absehbarer Zeit in die Gruft werfen wird jetzt bin ich wieder am Abrutschen in dieses Loch der Kälte und Finsternis.
Meine Gedanken schweifen kurz weg wieder hin zum Wind, und irgendwie kommt mir die Melodie bekannt vor, die er vor sich her pfeift, oder bilde ich mir das nur ein? Ich sehe den Friedhof vor mir und den Sarg, wie er langsam im Erdreich verschwindet, auf nimmer Wiedersehen verschwindet, und ich darin. Einige Menschen schluchzen sogar, das tröstet mich irgendwie, und auch Blumen sehe ich am Erdhügel liegen. Oder wollte ich mich nicht lieber verbrennen lassen und die Asche irgendwo verstreuen? Ja, stimmt! Verstreuen im Wald hinter unserer Siedlung, wo ich immer so gerne herumspaziere. Bei meinen Freunden, den Tannen und Fichten, den Buchen und Erlen. Manchmal sehe ich sogar einige Rehe im Winterwald, und denke mir dabei immer, dass sie Recht haben, wenn sie die Menschen nicht zu nah an sich heranlassen. Gibt ja durchaus auch welche, die ihnen nicht so gut gesinnt sind wie ich. Oder? Na ja, die Jäger sind eben dazu da, Wildbret abzuschießen und die Friedhöfe, um die Toten aufzunehmen. Schön, wenn die Kerzen in der einbrechenden Dämmerung brennen und vor sich hinzucken. Viele Kerzen. Ist ja klar, es gibt ja auch viele Tote
Jetzt höre ich die Uhr wieder lauter ticken, der Wind hat nachgelassen und das Grau des Morgens ist um die Spur heller geworden. Ich hänge meinen Gedanken nach, und plötzlich spüre ich die Wärme des Bettes irgendwie angenehm an mir. Ich ziehe die Decke ganz weit hoch und krümme mich darunter zusammen. In einer Art Schutzhaltung zusammen. Ruhig geht mein Atem, leise höre ich den Wind ums Haus wehen. Das Schlagen der Fensterläden hat aufgehört, und ich höre jetzt eine Meise an meinem Vogelhäuschen am Balkon die Körner aufpicken. Lieb diese Meisen und putzig anzuschauen, und meine Augen versuchen das Grau zu durchdringen. Ja, da sitzt sie am Häuschen. Ganz ruhig. Da fühlt sie sich sicher und geborgen. Zumindest nehme ich das an.
Und ich?
Irgendwie genieße ich diese Stimmung in mir. Waren es vor kurzem noch Zweifel, Sorge und vielleicht auch ein bisschen Angst, so bin ich jetzt eher ruhig, sicher und fühle mich geborgen in meinem Bett. Wie gut mir diese Wärme tut, und ich sehe plötzlich das Gesicht meiner kleinen Enkelin vor mir mit ihren dunklen fragenden Augen, und wie schön sie doch Opa sagen kann, und ich lächle im Dunklen.
Mit dem Ticken der Wanduhr bin ich nochmals eingeschlafen
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Viele Menschen leiden an einer echten Winter-Depression. Wenn Nebel die Sonne verdeckt, es kalt und windig ist und dazu vielleicht noch Sorgen drücken. Da kann Wärme helfen und auch Gedanken an schöne Zeiten und daran, dass diese Welt trotz vieler Probleme dennoch schön und voller Wunder ist.