Auch für mich war eines Tages die Zeit gekommen, wo mich der "Heilige Geist" erleuchten sollte, wie er das bei allen Knaben und Mädchen unserer katholischen Glaubensgemeinschaft im Alter von 13, 14 Jahren zu machen versucht. "Versucht" sage ich hier bewusst und manchmal wird es schon eines etwas größeren Einsatzes dieses "Heiligen Geistes" bedürfen, will er das auch tatsächlich bewerkstelligen. Sofern es diesen "Geist" tatsächlich gibt. Was ich nicht nur für mich allein hoffe.
Die Zeit war also angebrochen und wöchentlich einmal sah man mich anstatt nach der Schule auf dem Fußballplatz beim Firmunterricht in unserem Pfarrhof hocken und dem rundlichen, rotgesichtigen Pfarrer mit der bläulich verfärbten Nase zuhorchen. Was mir allerdings nicht allzu leicht fiel, weil meine Gedanken doch eher bei meinen Freunden waren, die zur selben Zeit dem Ball nachjagten. Manchmal werde ich wohl gegähnt haben und meinen Kopf hab ich nicht zum Ball hochgestreckt, um ihn ins Netz zu köpfen, viel eher hab ich ihn mit einer meiner Hände abgestützt und der Dinge geharrt, die uns der Pfarrer vermitteln wollte. Wären nicht die Monika und die Hanni gewesen, die zwischendurch meine Aufmerksamkeit auf sich zogen, so wäre ich vermutlich während des Firmunterrichts eingeschlafen. Der "Heilige Geist" hatte wohl noch nicht angefangen auf mich einzuwirken. "Gut Ding braucht eben Weile", lautet ein Sprichwort und vielleicht würde es ja doch einmal auch bei mir so weit sein mit der "Erleuchtung". Wenn auch nur im kleinen Rahmen. Mehr war am Beginn meiner pubertären Phase wirklich nicht zu erwarten.
Getauft war ich ja bereits und zudem christlich-katholisch erzogen. Die Kirche und alles, was vor allem baulich damit zusammenhing, war mir einigermaßen vertraut. Auch der Pfarrer und der Mesner, die Betschwestern, die brennenden Kerzen im Gotteshaus ebenso wie die Kirchenglocken im Turm, der Weihrauch im Kessel und das "ewige Licht", das vom Plafond der Kirche hing. War ich doch seit einigen Jahren als Ministrant tätig und auch jetzt, während meiner Hauptschulzeit, war der sonntägige Kirchgang absolutes Muss in unserer Familie.
Ich ging gerne dorthin, gab es doch durchaus hübsche Mädels zu sehen und auch viele andere Menschen aus unserer kleinen Gemeinde. Allen voran die Fürstin mit den beiden Prinzen, sofern sie wieder einmal aus den verschiedenen Internaten nach Hause gekommen waren und im kaiserlichen Jagdschloss bei ihrer Mutter weilten. Am sonntägigen Gottesdienst nahmen auch der Forstmeister, der Schulleiter und die Lehrerinnen teil. Eher selten sah man die übrigen Männer aus unserem Ort beim Gottesdienst, die ließen sich im Inneren des Gotteshauses durch ihre Gattinnen und die zumeist größere Kinderschar aus der Verwandtschaft vertreten. Doch auch sie traten für gewöhnlich ihren sonntägigen Gang zur Kirche an. Zumeist schafften sie es jedoch nur bis zum Kirchenwirt, etliche Dutzend Meter vom Gotteshaus entfernt. Da spielten sie dann Karten, langten zwischendurch zum Glas und hörten zumindest die Glocken läuten. Bei der Wandlung und Kommunion oder wann immer diese aus dem nahen Kirchturm erklangen. Der "Heilige Geist" hatte es bei ihnen anscheinend nicht geschafft sie die paar Schritte weiter ins Gotteshaus zu bringen. Zumindest an normalen Sonntagen. An Festtagen allerdings war die Kirche voll, da sah man auch diese Männer so manches "Kreuz" im Inneren des Gotteshauses auf ihre Stirn zeichnen.
Mein Taufpate war ein Ritter von Ullrich. Wie kam ich aber zu meinem Firmpaten?
Womöglich hatte der pure Zufall diesen Menschen sozusagen in mein Leben geschickt. Mit seiner Gattin besuchte mein späterer Pate eines Tages unser Radmer-Tal. Vor allem wegen der wunderschönen Wallfahrtskirche und weil es den beiden in unserem Tal so gut gefiel, so beschlossen sie, im nächsten Jahr einige Tage hier zu verbringen. Gesagt, getan, und eines Tages tauchten sie mit ihrem Töchterchen bei uns auf. Meine Eltern vermieteten gelegentlich an sogenannte "Sommerfrischler" ein Zimmer. Als die drei anfragten, war dieses Zimmer zufällig frei. Der Preis passte und so waren sie schließlich bei uns gelandet.
Er hieß Ferdinand, seine Gattin Anna und die Tochter Annemarie. Die war in etwa gleich alt wie mein Bruder Herbert. Also drei, vier Jahre älter als ich. Jährlich besuchten uns die drei, blieben für einige Tage in Radmer und fuhren anschließend mit der Eisenbahn wieder zurück nach Gerstl, einem kleinen Ort in der Nähe des Sonntagsbergs, wo sie wohnten und wo der "Onkel Ferdinand" im Böhlerwerk beschäftigt war. Eines Tages kam das Gespräch auf meine bevorstehende Firmung und dass wir nach einem Paten Ausschau halten würden. Mir waren die Eders von jeher sympathisch gewesen, die "Annamirl" ein hübsches, blondgelocktes Mädchen, ihre Mutter eine rundliche, kleine Frau mit gütigen Augen und einem ruhigen Wesen und der "Ferdl" ein humorvoller Mann mit Glatze und vom Wuchs her nicht viel größer als seine Gattin.
Schnell hatten sich meine Eltern mit den beiden geeinigt. Der Ferdinand sollte mich als Pate zur Firmung führen und ich war froh einen so netten Menschen dafür an meine Seite gestellt bekommen zu haben, wo er meinem Bruder und mir doch jedes Mal zum Abschied den einen oder anderen "Silberling" in unsere Sparbüchsen gesteckt hatte. Und die Annemarie? In die hatte sich mein Bruder ein wenig verknallt, sofern ich mich richtig zurück erinnere. Ich war ja in den Sommermonaten bereits "vergeben". Dafür sorgte meine kleine Freundin aus Wien. Die wohnte mit ihren Großeltern jeden Sommer für einige Wochen bei den Baumanns und ich musste mich gehörig anstrengen, damit mein Freund Rudi nicht sozusagen die "Oberhoheit" über sie bekommen würde, wo er doch in den Ferien Tür an Tür mit ihr wohnte und ihr auch sonst recht gut zu gefallen schien.
Zurück zu meiner Firmung und zu all dem für mich Wichtigen, das damit verbunden war.
Schon in den Jahren zuvor luden die Eders meinen Bruder und mich jeweils in den Ferien ein, für einige Tage zu ihnen zu kommen. Der Onkel und die Tante nahmen sich immer viel Zeit für uns, wir machten Ausflüge nach Waidhofen und zum nahen Sonntagsberg, fuhren mit ausgeborgten Rädern durch die nähere Umgebung, spielten mit Annemaries Nachbarkindern, und vor allem ich liebte es, am nahen Bach nach "Koppen" Ausschau zu halten und diese auch einzufangen. Der Bach führte im Sommer wenig Wasser, es gab kleine Tümpel und da versteckten sich diese Fische gerne unter den Steinen, wenn ich ihnen zu nahe kam. Aber ich wusste, wie man sie da herausholen konnte und schon sehr bald hatte ich eine ganze "Flotte" davon in einer eigens von mir angelegten "Pfütze" verwahrt, während mein Bruder sich eher mit der Annemarie und deren Freundinnen beschäftigte. Diese Mädels kannten doch einige andere Spiele als wir in Radmer, und wenn ich nicht gerade am Bach fischte, so machte auch ich mit und hatte meine Freude daran. Beliebt war vor allem "blinde Kuh", natürlich Fangen und Verstecken, dazu "Stadt-Land" oder alle möglichen Arten von Quartett-Ratereien und auch das Essen war anders als bei uns. Kost aus den Voralpen sozusagen und durchaus anders schmeckend als die tägliche "Schmalkost" in unserer Gebirgsregion.
Dann kam die Firmung in Linz an der Donau. Mit einem richtigen Bischof und auch mit der passenden Örtlichkeit - dem Pöstlingberg.
Die Firmung verlief würdevoll und dauerte länger als mir lieb war. Vor allem, weil viele Firmlinge mit ihren Paten sich in einer mir endlos scheinenden Schlange vor dem riesigen Gotteshaus anstellen mussten, um nach Stunden - oder kam mir dies nur so vor - endlich den erlösenden Backenstreich vom Bischof auf die Wange verabreicht bekommen zu haben, der schließlich die "Erleuchtung" und die Stärkung im Glauben einleiten sollte. Ich war froh, dass wir schon sehr bald danach gemütlich im Garten eines Gasthofs saßen und ich meinen bereits knurrenden Magen mit einem Wienerschnitzel erfreuen konnte. Danach ging es zur Grottenbahn und die Märchenwelt umschwebte mich und erfreute meine Sinne. Oder war es die riesige Tüte Eis, die ich kurz zuvor in mich geleckt hatte? Jedenfalls waren wir alle zufrieden: Mein Pate, ich und natürlich auch die Tante und die Annamirl. Die waren ja auch mitgekommen zur Firmungsfeierlichkeit.
Meine Augen leuchteten, als mir mein Pate eine funkelnagelneue Armbanduhr als Firmgeschenk ans Handgelenk band. Mit rotem Sekundenzeiger und wunderschön tickend. Ein echtes Prachtstück. Zu Hause bei den Eders angekommen tauchte ich die Uhr sogleich ins Wasser, wollte testen, ob sie auch wasserdicht wäre. War sie anscheinend tatsächlich. Wunderbar. Nur ein ganz kleinwenig angelaufen das Glas und als ich am nächsten Tag im Zug nach Hause saß, da stand der Sekunden-Zeiger plötzlich still. Ich schüttelte und rüttelte die Uhr und drehte wieder und wieder am Aufziehknopf. Nichts. Nach einigen solcher Versuchen, die Uhr doch noch zum Weiterticken zu bringen, bemerkte ich, dass sich der Knopf bereits leer durchdrehen ließ.
Mit der Erleuchtung durch den "Heiligen Geist" spießte es sich bei mir anscheinend doch noch ein bisschen, denn, wie es aussah, hatte ich meine Firmungsuhr irgendwie zugrunde gerichtet. Das war nicht nur für mich äußerst unangenehm, auch meine Eltern hatten wenig Verständnis für mein Vorgehen. Die Uhr ganz einfach ins Wasser zu tauchen und dann noch so lang am Aufziehknopf zu drehen, bis ich damit die Feder überzogen hatte. Und doch - ich war wieder um eine Erfahrung reicher geworden in meinem jungen Leben. Ich sollte in Zukunft lieber vorsichtig mit Dingen umgehen, bei denen ich mich nicht allzu gut auskannte. Aber die Neugier und mein oftmals beinahe nicht zu bremsender Tatendrang hatten wohl die Hauptschuld an diesem "Unglück".
Zum Glück kannte sich mein Vater mit Uhren gut aus und zum Glück weilte ein Uhrmacher in Hieflau, der imstande war eine neue Feder herzuzaubern. Vielleicht hatte auch der "Heilige Geist" ein wenig mitgeholfen, alles wieder ins rechte Lot zu bringen. Wie auch immer. Nach einigen Tagen hatte ich die Uhr wieder an meinem Handgelenk und der Sekundenzeiger sprang wie einst wunderbar von Ziffer zu Ziffer. Mit vor Stolz geschwellter Brust hielt ich meine Firmungsuhr meinem Freund Rudi sozusagen unter die Nase und merkte, wie er sein Bubengesicht ein wenig verzog. Ein bisschen Neid könnte durchaus aus seinen Augen geschaut haben. Ich klopfte ihm auf die Schulter und tröstete ihn: "Sei nicht traurig, nächstes Jahr bist du dran, dann wird der Geist dich hoffentlich auch erleuchten und dir vielleicht auch eine Uhr bringen ..."