Zurück zum Sommer, zurück zur Ferienzeit, zurück zu diesen wunderbaren Tagen, an denen wir Kinder unsere Freiheit genossen und ganz besonders genoss ich immer den Aufenthalt bei Tante Mathilde und Onkel Rudl in Furth bei Treglwang. Bei einem Cousin meines Vaters, der wie mein Vater in einem Sägewerk beschäftigt war und im Nebenhaus der kleinen Säge mit seiner Frau und seinen Töchtern Traudl und Ruth wohnte. Dorthin durften mein Bruder und ich ab und zu in den Ferien kommen. Unsere Großcousinen waren hübsche Mädels, in die sich mein Bruder in die Ältere und ich in die Jüngere verknallt hatten. Doch nicht nur deshalb zählten diese Aufenthalte für uns wohl zum Allerschönsten, was man sich nur vorstellen konnte.
Ein Sägewerk an und für sich ist ja bereits eine Stätte voll Abenteuerromantik und voll von Möglichkeiten dem kindlichen Spieldrang zu seiner Entfaltung zu verhelfen. Auch hier ratterte das Sägegatter auf und ab und zerschnitt die Bloche, dass die Sägespäne nur so davonflitzten. Wie auf jedem Sägewerk gab es die Wägelchen, mit denen wir Kinder johlend auf schmalen Schienen durch die Gegend sausten, uns gegenseitig anschoben, während der Fahrt auf- und absprangen und einen Riesenspaß hatten. Das machten wir vornehmlich an den Abenden, wenn die Arbeiter die Säge bereits abgestellt hatten und wir dabei ungestört waren.
Weil auch die Säge in Furth mit Wasserkraft angetrieben wurde, und dazu eine Wasser-Rinne hin zur Säge installiert war, um Energie für den Antrieb zu liefern, deshalb gab es neben diesem Wasser auch allerlei Getier, das vom Wasser angelockt wurde. Frösche, Ringelnattern und auch jede Menge an Ratten. Diese Nager flitzten manchmal vor uns über den Holzplatz und wir laut kreischend hinter ihnen her, sie versteckten sich unter die Bloche, die hoch aufgestapelt aufs Zerschneiden warteten und über die wir besonders gerne kletterten, jedoch höllisch dabei aufpassen mussten, dass so ein Blochhaufen nicht durch unser Herumkraxeln ins Rollen geriet. Dann hieß es in hohem Bogen hinunterspringen in die Wiese, wenn dazu noch Zeit blieb, doch meistens schafften wir das und ernstlich hat sich kaum jemals einer von uns bei dieser Kletterei über die Blochhaufen verletzt.
Es gab aber welche, die kamen nicht so glimpflich davon. Das waren jene Nager, die es nicht schafften, einen sicheren Unterschlupf zu erreichen, bevor Steine oder Holzscheite auf ihre flüchtenden Körper niederprasselten. Von unseren Händen abgeschossen, und so manche Ratte hauchte darunter ihr Leben aus, und der Onkel gratulierte uns jedes Mal von neuem, wenn wir eine von diesen Biestern erlegt hatten. Sie waren alles andere als willkommen, und die Katzen rund ums Haus kamen bei der zumeist nächtlichen Jagd ganz gehörig ins Schwitzen und lagen am Tag wie tot in irgendeiner Ecke und ruhten sich von den Strapazen aus. Wir ruhten auch, aber nicht am Tag, wir ruhten, wenn überhaupt, dann in den Nachtstunden und da auch erst sehr spät, denn es war ja allzu erregend, gleich neben der Schlafkammer unserer Cousinen den Pyjama überzustreifen, sich noch ein wenig zu den Mädels zu gesellen, die eine oder andere Geschichte aus irgendeinen Buch vorgelesen zu bekommen, dann das Licht abzudrehen und im Dunklen ein wenig zu forschen. Sie an uns und wir an ihnen.
Der Onkel und die Tante waren sehr tolerante, humorvolle Menschen und Onkel Rudl hatte ein ganz besonderes Merkmal an sich: Liebend gern paffte er an einer Zigarre, dass der Rauch von seiner Virginia nur so davonstob. Aber er hatte die Zigarre oft auch nur im Mund, ohne dass er sie angezündet hatte und ohne Zigarre sah man ihn eher selten. Die Töchter waren unbeschwert und stets bester Laune. Kinder sind an und für sich gutgelaunte Wesen, sofern es ihnen gut geht und sie ihrem Spieltrieb nachkommen können. Wenn sie zudem die Liebe ihrer Eltern spüren, außerdem Ferien sind und es genug Spielgefährten gibt, dann ist so ein Kinderdasein etwas Wunderbares. Was noch fehlt, ist vielleicht ein wenig Aufregung, ein bisschen Kribbeln in der Magengegend, ein bisschen Gruseln, ein wenig Angst zwischendurch, ein bisschen Zittern und Zähneklappern. Wie damals am Teich, als wir mit unseren Cousinen gemütlich auf einer Decke im Gras saßen und Ruth plötzlich einen Schrei ausstieß. Ihre Augen waren starr nach vor gerichtet und da sah auch ich dieses Ungeheuer: Ein riesige Schlange wand sich wenige Meter vor uns aus dem Schilf und verschwand gleich danach in einer dichten Hecke. Mein Bruder Herbert blieb ruhig und sagte: "Keine Angst, ist nur eine Ringelnatter, die tut euch nichts, werden aber ziemlich groß. Wahrscheinlich, weil sie so viele Frösche fressen."
Herrlich, dieser Moorteich, in dem die Seerosen so wunderschön blühten und in dem wir so gerne planschten und uns gegenseitig mit Schlamm bewarfen oder beschmierten, so dass wir aussahen wie die zehn kleinen Negerlein, und nur das Weiß unserer Augäpfel leuchtete manchmal noch aus unseren Gesichtern oder das Weiß unserer Zähne. Wenn sich dann und wann ein Blutegel an uns gesaugt hatte, weil es in diesem Teich davon nur so wimmelte, dann wieder eine Wasserschlange auf uns zuschwamm und die Mädels vor Angst quietschten, wenn Wassermäuse von den Blättern der Seerosen sprangen oder Frösche mit gewaltigen Sätzen in die Fluten hüpften, dann gab es dieses Kribbeln und manchmal auch Zähneklappern. Zähneklappern vor allem, wenn wir noch nach Sonnenuntergang in unseren Badehosen am Teich spielten und unsere Lippen beinahe so blau waren wie der dunkel werdende Abendhimmel.
Unsere Cousinen waren wunderbare Spielgefährten, sie rochen so gut, so anders als wir Buben, und mit ihren Zöpfen waren sie putzig anzusehen. Doch es gab auch noch andere Nachbarkinder, die gern mit uns spielten. Zumeist an Regentagen "blinde Kuh" im riesigen Wohnhaus und in den dunklen Gängen. Natürlich auch Fangen und Verstecken, denn rund um dieses Sägewerk gab es die tollsten Verstecke und manch heimlicher Kuss wurde in so einem Versteck ausgetauscht. Stundenlang könnte ich davon erzählen, doch ich will auch ein wenig von den Almen berichten, von den Kühen, dem Jungvieh, den Böcken und Geißen, den Schweinen und Schafen, ohne jedoch damit womöglich Gähnen hervorzurufen. Das wirklich nur, wenn das von mir Niedergeschriebene zum Lesen mit ins Bett genommen wird und anschließend für einen guten Schlaf sorgt. Vielleicht träumt mancher Leser dann sogar von seiner eigenen Kindheit und von netten Erlebnissen und einer glücklichen Zeit.
Die Zeit bei Onkel und Tante und unseren Cousinen ging leider immer viel zu schnell für uns vorbei. Meist durften wir ein, zwei Wochen in den Ferien bei ihnen verbringen, dann hieß es wieder Abschied nehmen, und unsere Herzen waren schwer. Doch diesmal freuten wir uns, denn Traudi und Ruth durften mit zu uns kommen. Unsere Eltern holten uns ab. Am Tag zuvor waren sie in einem Tagesmarsch über die Berge nach Furth gekommen und jetzt ging es gemeinsam mit ihnen zu Fuß zurück ins Radmer-Tal. Über steile Pfade, vorbei an Almen und über die Berge. Und auch auf diesen Almen gab es einiges zu erleben.