Zu Weihnachten stehen vor allem Kinder oftmals mit offenem Mund vor dem Christbaum, und das Licht der Kerzen spiegelt sich in ihren Augen wider. Manche Kinder glauben noch ans Christkind oder an den Weihnachtsmann, und dass diese beiden für die Geschenke verantwortlich zeichnen, die unter dem Baum liegen. Man kann sich mit jedem dieser Kinder freuen, dass sie zumindest in ihrer Fantasie noch an Märchen glauben, an Feen, Riesen oder Zwerge, an Feuer speiende Drachen oder an den bösen Wolf, der nicht nur den Geißlein zum Verhängnis wurde.
In sehr vielen Märchen kommen neben Menschen auch Tiere vor, und speziell von den Tieren ist bei dieser Weihnachtsgeschichte die Rede.
Ich hatte von Onkel Jörg und Tante Linde aus Frankfurt Schlittschuhe bekommen. Keine, wie man sie heute an den Beinen hat, meine Schlittschuhe waren so genannte Schraubendampfer, Eisen, die man sich auf feste Schuhe schrauben konnte, und die waren letztlich schuld, dass ich das Folgende erzählen kann.
Gleich nach der Bescherung war ich in den Hof gegangen, mit Haube, Anorak, Handschuhen, Schal und meinen Schraubendampfern ausgerüstet. Der Mond war soeben hinter den Bergen unseres kleines Gebirgs-Tales aufgegangen und warf sein Licht gespenstisch auf den weißen Teppich, mit dem Wiesen und Felder bedeckt waren. Natürlich auch auf die Hausdächer, den Zaun um den Garten, den riesige Kastanienbaum direkt gegenüber unserem alten Holzhaus, und auch vom nahen Wald leuchtete das Weiß zu mir her. Die Schneekristalle glitzerten im Mondlicht und der nächtliche Himmel war von Sternen übersät.
Den ganzen Tag über hatte es geschneit, die Flocken waren dicht und ruhig vom Himmel gesegelt, doch die Wolken hatten sich verzogen, genau wie sich mein Bruder Herbert schnell wieder aus dem Hof verabschiedete, nachdem auch er einige Schritte mit meinen Schlittschuhen im zusammengetretenen Schnee versucht hatte. Es war ihm ganz augenscheinlich zu kalt, er spielte lieber mit seinem Matador in unserer Wohnküche, den ihm das Christkind gebracht hatte.
Doch ich lief mit meinen neuen Schraubendampfern an den Füßen im Hof hin und her. Wunderbar. Bereits zum zweiten Mal war ich in den Hof gegangen, nachdem ich eine kurze Pause eingelegt hatte. Unsere Eltern saßen mit unseren Nachbarn zusammen, tranken Punsch und labten sich an selbst gebackenen Keksen, und jetzt war auch mein Freund Rudi bei mir im Hof. Der hatte Schi bekommen und sie sofort auf dem kleinen Wiesenhang hinter dem Haus ausprobiert. Hätte der Mond nicht geschienen, so wären wir wahrscheinlich kaum im Freien unterwegs gewesen, denn Hoflicht gab es damals bei uns noch keines, das montierte mein Vater erst einige Jahre später an die Hauswand.
Vom nahen Kirchturm hatten noch vor kurzem die Turmbläser Weihnachtslieder geblasen, und das Wild im Wald wird wohl auch diese Klänge vernommen und die Ohren gespitzt haben. Ich hörte diese Lieder zwar, doch all meine Sinne galten den Schlittschuhen, und ich konnte gar nicht genug bekommen vom Schlittschuh-Laufen. Auch Rudi durfte zwischendurch meine Eisen an seine Schuhe schrauben und ein bisschen durch die Gegend laufen. Doch er war weniger begeistert, er stapfte lieber mit seinen Schien herum und trat den Schnee damit zusammen. Bis hin zum nahen Stall.
Es mag einiges vor Mitternacht gewesen sein, denn plötzlich kamen mein Bruder und die Erwachsenen die Stiege herunter in den Hof.
Komm, wir gehen in die Mitternachtsmette.
Ja, sofort, ich will nur noch ein bisschen durch die Gegend laufen.
Wir gehen voraus, du kommst aber nach!
Meine Mutter sagte es genau im gleichen Tonfall, mit dem sie mich am Morgen immer aufweckte. Auch da gab es kaum einmal ein längeres Liegenbleiben im Bett. Und ehrlich gesagt, ich wäre ihrer Aufforderung auch ganz bestimmt nachgekommen, wäre nicht der folgende Fall eingetreten.
Vom Kirchturm schlug es zwölf Mal, die Erwachsenen und mein Bruder waren wohl bereits in der Kirche angekommen, als ich die letzte Runde im Hof drehen wollte, und ein letztes Mal bei unserem Stall vorbeifuhr. Da hörte ich plötzlich Stimmen aus dem Stall kommen. Sollte ich mich täuschen? Nein, ich hörte dieses Murmeln von Stimmen. Mein Freund Rudi stand schon gehbereit im Hof, er hatte auf mich gewartet.
Geh endlich weiter! Wir kommen sonst zu spät!
Rudi, ich höre Stimmen aus dem Stall, aufgeregt sage ich das zu meinem Freund.
Welche Stimmen? Das gibt es ja gar nicht, da sind ja nur die Tiere drinnen!
Vielleicht haben sich irgendwelche Menschen im Stall versteckt. Komm, wir schleichen uns hinüber.
Aber die Kirche ...
Mein Freund war schon immer sehr folgsam.
Nur ganz kurz. Vielleicht hörst auch du etwas. Ich hab mich sicher nicht getäuscht. Da ist jemand im Stall.
Ich hatte inzwischen meine Schlittschuhe abmontiert und gemeinsam schlichen wir zur Stalltür. Deutlich vernahm ich wieder die Stimmen aus dem Stall. Ich machte vorsichtig die Tür auf, und der Mond warf gespenstisch sein Licht in den Gang zu den verschiedenen Stallungen, in denen Ziegen, Hühner, zwei Ferkel, einige Hasen, eine Kuh, ein Kalb und daneben ein Jungochse untergebracht waren. Mit Streu versehen und natürlich auch mit Futter. Wir Buben hatten heute besonders viel eingefüttert, unsere Tiere sollten auch ein bisschen Freude an Weihnacht verspüren. Deutlich hörte ich die Stimmen, und ich glaubte, meinen Ohren nicht trauen zu können, es sprachen die Tiere mit deutlich verständlichen Tierlauten miteinander. Wie in einer Simultanübersetzung konnte ich alles verstehen.
Soeben sagte die Kuh zu ihrem Kalb: Weißt du Kleines, in drei, vier Wochen kommt der Fleischhauer, da werden wir wohl Abschied nehmen müssen.
Traurig kamen diese Worte aus dem Maul der Mutterkuh.
Rudi, komm schnell!, flüsterte ich meinem Freund zu, der an der Stalltür lehnte und nicht recht wusste, was er von meinem Verhalten halten sollte.
Komm, horch! Ich höre ganz deutlich die Stimmen. Die Tiere sprechen miteinander.
Rudi machte einige Schritte in meine Richtung, dann legte auch er wie ich seinen Kopf an die Stalltüre zur Kuh, dem Kalb und dem Jungochsen, der sich soeben zu Wort meldete: Was man mir angetan hat, das vergesse ich den Menschen nie! Mir ganz einfach meine männliche Würde zu nehmen. Und diese Schmerzen!
Hörst du?, ich zu meinem Freund.
Absolut nichts Verständliches. Ich höre nur das Muhen.
Das gibts doch nicht! Ich höre jedes Wort. Soeben hat sich der Ochs bei der Mutterkuh beschwert wegen seiner Operation vor einem halben Jahr.
Du spinnst wohl!
Mein Freund schüttelte den Kopf, während ich eine Tür weiter soeben unsere braune Ziege sprechen hörte, der ich vor einigen Tagen mit dem Besen gekommen war, weil sie der kleinen Weißen wiederholt ihre Hörner in die Flanken gestoßen hatte, so dass diese jämmerlich meckerte. Jetzt hörte ich die große Braune sagen: O.k., versöhnen wir uns. Aber nur, weil heute Weihnachten ist!
Dann hörte ich die Weiße: Du glaubst wohl, weil du größer und stärker bist als ich, dass ich mich vor dir fürchte, was? Na ja, es stimmt, ich fürchte mich vor dir, und du solltest dich schämen für dein Verhalten. Du bist ja beinahe wie die Menschen. Da gehen auch die Starken auf die Schwachen los! Ich hoffe, du hältst dein Wort und lässt mich in Zukunft in Ruhe!
Mein Angebot gilt nur für die Weihnachtszeit! Danach wirst du meine Hörner wieder öfters zu spüren bekommen. Und dieser Lümmel, wenn der mich dafür wieder mit dem Besen schlägt, dann musst du doppelt büßen. Auch das verspreche ich dir!
Mein Ohr war an der Stalltür zu den Ziegen, und ich winkte Rudi zu mir.
Hörst du, die sprechen auch von mir.
Mein Freund: Meckern tun sie sonst ja auch, vor allem die Weiße meckert oft geradezu jämmerlich. Aber Stimmen ..., und er deutete mit seinem Zeigefinger an seine Stirn.
Bist du taub? Das gibt es doch gar nicht. Ich höre doch ganz deutlich, was sie sprechen.
Du hast wohl zu viel Punsch getrunken!
Mein Freund schien tatsächlich nichts zu hören. Jetzt meldete sich ein Schwein, deren Stallung war etwas weiter vorne: Wenn die wieder mit den Messern kommen, dann mach ich vor Angst in die Rinne.
Dann hörte ich ein anderes Ferkel sagen: Vielleicht können wir zwischen den Beinen hindurch ins Freie.
Wieder das erste Schwein: Das wäre schön. Doch jetzt geben sie wahrscheinlich noch mehr Acht, weil ihnen doch der Saudi vorige Woche bei Abstechen entwischt ist. Den haben sie erst nach zwei Stunden wieder gefunden. Der ist zum Bach hinunter.
Danach sofort das andere Ferkel: Aber es hat ihm nichts genützt! Sie haben ihn ja doch wieder eingefangen. Und heute haben sie wahrscheinlich schon die Bratwürste gegessen! Armer Saudi! Dabei war er immer ein so lustiger Kerl. Was der für Witze über die Menschen wusste. Na ja, der war ja auch in dieser Zuchtanstalt, bevor er zu uns gekommen ist.
Es folgte eine kleine Pause, in der ich mein Ohr weiter an die Stalltüre hielt. Plötzlich meldete sich wieder die größere Sau in einem verbitterten Tonfall: Ja, ja, die Menschen. Immer denken sie nur ans Umbringen. Und dann verzehren sie uns sogar noch mit Haut und Haar. Doch vielleicht würden wir es gleich machen, wenn wir an der Macht wären. Und ..., der Tonfall wurde jämmerlich: Nächste Woche soll ich unters Messer kommen.
Ich stand mit offenem Mund vor der Schweinestallung und hätte bei diesen Worten beinahe die Türe aufgemacht und die beiden ins Freie gelassen, so sehr haben sie mir auf einmal leid getan. Ich hasste ja schon immer dieses Sauabstechen, wenn die Schweine immer so schrecklich geschrieen haben, bevor man sie aus dem Stall zerrte. Und doch, auch mir hatten heute die Bratwürste gut geschmeckt. Doch in Zukunft ...
Ich war noch in Gedanken versunken, als mich Rudi am Anorak zog: Wir müssen gehen, die Christmette hat schon längst begonnen. Wir werden was erleben, wenn wir nicht bald kommen.
Ja hörst du denn nicht, was die alles sagen?
Ich wurde richtig wütend. Mein Freund konnte doch nicht so tun, als würde ich das alles womöglich erfinden. Wo ich doch deutlich die Stimmen der Tiere vernahm. Jetzt hörte ich eine Henne mit einer anderen reden. Die saßen auf ihren Stangen in einer gesonderten Ecke. Da gackerte die eine: Der Fuchs, dieses Ungeheuer. Er hat mich schon im Rachen gehabt, da ist zum Glück der Hund vom Förster aufgetaucht, und deshalb hat er mich wieder fallen gelassen. Sonst wäre ich wohl schon im Jenseits. So aber kann ich dir frohe Weihnachten wünschen und dich bitten, dass du den Hahn nicht immer so kokett anlächelst. Der soll sich auch ein bisschen um uns kümmern, nicht immer nur um dich!
Reg dich wieder ab! Nur, weil er mich ein bisschen öfter mit Würmern versorgt, brauchst du nicht gleich eifersüchtig zu werden. Er bückt ja täglich auch alle anderen acht Hühner. Bei den Menschen, da wäre das nicht möglich! Da gibt es schon Krach, wenn ein Mann nur eine einzige Nebenfrau betreut. Komisch sind diese Wesen.
Aber zu uns sind sie doch recht nett. Nur eines stört mich immer sehr. Dass sie uns immer die Eier abknöpfen, und dass wir so zu keinen Kindern kommen. Einzig die Berta durfte zehn davon ausbrüten. Die ist auch groß und kräftig und ...
Ich hörte die Worte der Hühner, doch plötzlich raschelte es neben mir. Eine Maus hatte mich wohl nicht bemerkt, weil ich ganz ruhig im Dunklen stand.
Immer diese Katzen!, jammerte sie. Schon den dritten Mann habe ich verloren. Wer soll meine Kinder groß ziehen?
Sie sprach vermutlich zu sich selbst, und ich stand mucksmäuschenstill da und hörte sie davon trippeln. Da vernahm ich die Stimme eines Hasen: He, aufwachen, Kollege! Heute ist Weihnacht, da gibt es kein Schlafen zu Mitternacht!
Irgendwie vernahm ich ein Hoppeln, vielleicht war der Sprecher zu einem seiner Kollegen hin gesprungen. Dann: Lass mich in Ruh! Ich bin müde und will wenigstens in der Nacht schlafen können. Am Tag rennen ja immer die Kinder im Stall herum, und das viele Streicheln kann ich kaum noch ertragen!
Sei doch froh, dass sie dich lieb haben, die Kinder. Vorige Weihnachten sind zwei Freunde von mir aus dem Stall geholt worden. Die hab ich nie mehr wieder gesehen. Und wenn ich mich recht erinnere, landete auch der alte Hahn im Suppentopf.
Ich hätte wohl noch lange bei meinen Freunden im Stall verweilen und ihnen bei ihren Gesprächen zuhören können. Aber der Rudi, der nervte und zog mich förmlich aus dem Stall. Und überdies behauptete er noch immer steif und fest, dass er nicht ein einziges Wort vernommen hätte. Hatte womöglich wirklich der Punsch an all dem Schuld? Freilich hatte ich um einige Schluck mehr zu mir genommen als mein Bruder oder der Rudi. Die waren oftmals so elendiglich brav. Kaum zum Aushalten. Einmal nippten sie kurz am Punsch und das Gesicht dabei verzogen. Diese Weicheier! Wenigstens zu Weihnachten hätten sie doch ein bisschen Gas geben können ...
***
Übrigens meine Eltern und alle, denen ich meine Story von den sprechenden Tieren erzählt hatte, die lachten und schüttelten den Kopf dazu. Doch ich war ab dieser Zeit noch netter zu meinen Freunden im Stall, suchte fette Würmer für die Hühner und saftige Plotschen für die Säue, die rund um den Stall wuchsen. Die Hasen beschützte ich vor den Kinderhänden, wenn irgendwie möglich. Die Gerti und die Erna übertrieben manchmal wirklich bei ihren Liebkosungen. Da hatte der eine Hase schon Recht. Leid tat mir der Ochse. Traurig stand er mit hängendem Kopf im Stall.
Den Besen musste ich auch wieder einmal zur Hand nehmen, als ich die Weiße ängstlich meckern hörte. Aber ob ich ihr damit etwas Gutes getan hab, wo sich die Braune dann ja doch wieder an ihr rächen würde? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht!
Als der Fleischhauer auftauchte, und auch die Männer wieder mit den Messern zum Schweinestall hinstapften, da wünschte ich mir, ich wäre ein Riese und könnte sie alle mitsamt verjagen. Aber ich war ja nur ein kleiner Junge vom Lande. Mit roten Backen und wunderschönen Schlittschuhen.
Noch etwas habe ich erst viel später erfahren und weiß erst jetzt, warum der Rudi mir das alles nicht geglaubt hatte.
Nur Sonntagskinder hören anscheinend die Tiere am Weihnachtsabend reden ...