Unmerklich zitterte die Hand des Alten, als er den Löffel mit der Suppe zum Mund führte. Es war eine ganz gewöhnliche Suppe, wie er sie täglich zu essen pflegte, doch sie schmeckte ihm wie immer, wärmte und stärkte ihn, und er war dem Herrn dankbar, dass er damit seinen Hunger stillen konnte. Er selbst war kein besonderer Mann: Einfach, rechtschaffen und bescheiden lebte er sein Dasein. Das Leben hatte ihn nicht verwöhnt, doch er klagte nie, nahm alles gottergeben hin, wie es kam, und war mit dem Wenigen, das ihm das Dasein bescherte, zufrieden. Seine Söhne hatte er zu anständigen Menschen erzogen, und voll Ehrfurcht vor dem Schöpfer wandelte er auf seinem Lebensweg. Doch nicht von ihm handelt die folgende Geschichte, sondern von einem Menschen mit genau gegenteiligen Merkmalen - einem durch und durch von sich eingenommenem Mann, ausgestattet mit einem exzentrischen Lebensstil, der Erfolgsmenschen hin und wieder auszeichnet. So könnte man ihn kurz beschreiben.
Sein Stern strahlte heller als der seiner Mitmenschen, von denen er weniger angetan war. Für ihn war es selbstverständlich, dass alle nach seiner Pfeife zu tanzen hatten, und schon von klein an wurden ihm alle Wünsche von seinen Kinderaugen abgelesen. Auch er hatte Ehrfurcht - weniger vor einem möglichen Schöpfer, vielmehr vor sich selbst und seinen Leistungen, und er vertraute voll und ganz seiner irdischen Macht. Gerne gab er sich irdischen Genüssen hin, Not, Sorge und Leid berührten ihn nicht. Noch nicht.
"Wissen Sie eigentlich, dass Sie ausgesprochen hübsch sind?" "Danke, Herr Primar", haucht die Frau an seiner Seite, und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. "Sagen Sie doch einfach Berni zu mir. So dürfen mich alle nennen, die ich mag." "Das geht doch nicht, Herr Primar. Ich bin doch nur eine Krankenschwester und ..." "Was und?", fällt ihr der Mittvierziger ins Wort. "Alles geht, wenn man nur will! Das sollten Sie sich merken! Heute wollen wir feiern und das Dienstliche vergessen!" "Wenn Sie meinen, aber ..." Unsicher fährt sie fort: "Was ist, wenn es die anderen hören?" "Welche anderen? Hier bin ich der Boss, und das zählt! Sie gefallen mir, Mädchen", und er lächelt siegesbewusst. Nur noch wenige Paare wiegen sich im Rhythmus der Musik, langsam neigt sich die Anstalts-Weihnachtsfeier dem Ende zu, und längst sind die Kerzen am Christbaum niedergebrannt. Eine Kerze flackert allerdings noch im Dienstzimmer des Primars. Ein dumpfer Knall, Gläserklirren, helles Lachen ...
Erfolgreich war er schon immer gewesen, der medizinische Leiter der Anstalt, und er verstand es prächtig, sich die besten Stücke vom Lebenskuchen abzuschneiden. Ein Mann mit stattlicher Figur, gutem Aussehen und einer gepflegten Aussprache. Männlichkeit, Intelligenz, Kraft, alles Gute hatte sich anscheinend in ihm vereint. Leute, die nichts aus ihrem Leben machten, lehnte er ab, ohne nach dem "Warum?" zu fragen.
An einem Sonntagmorgen saß er mit seiner Gattin beim Frühstück und blickte nachdenklich vor sich hin. "Ich hatte einen merkwürdigen Traum, Gloria." "Erzähl, Berni, erzähl!", fordert sie ihn auf. "Du kennst doch die riesige Eiche, unter der wir jedes Jahr bei deinen Eltern unser Sektfrühstück genießen?" "Natürlich, was ist mit ihr?" "Ich saß darunter, doch sie war blattlos, mit dürren Ästen ..." "Was war weiter?" "Nichts weiter. Nur, es hat mich gestört, dieser Baum war abgestorben, richtig abgestorben." "Ach, Berni, was soll der Unsinn? Sag mir lieber, wann ich endlich wieder meine schönen Kleider tragen kann, diese Umstandsmoden halt ich bald nicht mehr aus."
So war sie eben. Am wichtigsten war ihr das eigene Aussehen, dann kam die Bequemlichkeit. Was kümmerte sie schon ein abgestorbener Baum. Die Hausarbeit erledigten das Hausmädchen oder eine abkommandierte Putzfrau der Anstalt. Am liebsten räkelte sie sich in der Sonne, blätterte in Modejournalen oder saß beim Friseur. Der Primar war anders. Regierten ihn beizeiten auch Launen, so gab er sich an guten Tagen doch einigermaßen höflich und umgänglich. Manchmal zeigte er sich sogar außerordentlich gesprächig und großzügig, beschenkte das Personal mit freien Stunden oder Tagen und gefiel sich in der Rolle des Sonnenkönigs. Schlecht gelaunt, ging man ihm besser aus dem Weg, da fiel er nämlich ins andere Extrem, war kurz angebunden, übersah geflissentlich Patienten und Angestellte, so als ob sie aus Luft wären, und nichts konnte ihm recht gemacht werden. Bei Anstaltsfeiern trank er gerne über den Durst, und berauscht legte er sich keinerlei Zurückhaltung auf, machte beleidigende Äußerungen und ließ erkennen, wie wenig er von seinen Mitmenschen hielt.
Unser vorhin beschriebener Alter kam eines Tages als Patient in die Anstalt und, weil ein Arzt krank und ein weiterer auf Urlaub war, deshalb nahm der Chef persönlich die Erstuntersuchung vor.
"Schon in Pension? Sie sehen verdammt gut aus." "Ich hab bescheiden gelebt und viel körperlich gearbeitet." "Soso, körperlich gearbeitet also." Etwas verächtlich kommt es aus dem Mund des Mannes im weißen Mantel, während er in der Akte blättert. "Landarbeiter, was?" "Ja." "Familie?" "Zwei Söhne, eine Frau." "Was machen die Söhne?" "Einer ist Tischler, der andere bewirtschaftet einen kleinen Bauernhof. Sind beide glücklich verheiratet. Ich bin stolzer Opa von sieben Enkeln." "Na ja, das ist wahrlich keine Kunst. Wichtig ist, was man aus seinem Leben macht. Das sollten Sie sich merken!" "Ich bin zufrieden. Wir haben, was wir zum Leben brauchen und sind alle gesund, das ist das Wichtigste, und aus meinen Söhnen sind anständige Menschen geworden."
Der Primar blickt den Mann vor sich an und schüttelt den Kopf. Als der Alte zur Tür hinausgegangen war, murmelt er: "Gesund, anständig - mit wie wenig sich manche Leute doch bescheiden. Ist ja unglaublich. Na ja ..."
Zusammen mit seinen beiden Söhnen hatte der Mann einen Urlaub in Afrika verbracht. Tiefbraun und bester Laune waren die drei nach vier erlebnisreichen Wochen nach Hause zurückgekommen, und kein Wölkchen trübte vorerst das Dasein unseres Halbgottes in Weiß. Doch wenige Wochen später hatte sich das Bild verändert, und der Mann, der bisher in seinem Leben nur Siege eingefahren hatte, über den zogen plötzlich dunkle Wolken auf.
Die milden Strahlen der Oktobersonne erwärmten den herrlichen Herbsttag, auf dem Rasen vor dem Haus saß der Primar neben seiner auf einem Anhänger ruhenden Jacht und starrte vor sich hin. Unbeweglich saß er bereits eine ganze Weile da, ehe er sich müde erhob und an seinem Amischlitten vorbei ins Innere des Wohnhauses ging. Er spürte, dass irgendetwas in ihm vorging. Er fühlte sich manchmal so müde, und aus seinem vormals so energiegeladenen Körper wich nach und nach jegliche Spannung. Gelblich färbte sich das Weiß seiner Augäpfel, keine noch so wohlschmeckende Speise konnte seinen Appetit anregen, und der einst lebenslustige Mann schloss sich oft stundenlang in seinem Büro ein. Sein oftmals übersteigertes Lebensgefühl war einer Unheil verkündenden Ruhe und Lustlosigkeit gewichen, und hin und wieder packte ihn die Angst und trieb ihm den Schweiß aus den Poren. Den Gedanken an eine ernsthafte Erkrankung versuchte er vom Tisch zu wischen, obwohl alle Anzeichen darauf hinwiesen, und er als Arzt diese Alarmzeichen seines Körpers durchaus zu deuten imstande gewesen wäre. Als sich sein Gesundheitszustand jedoch beinahe wöchentlich verschlechterte, wollte er sich Gewissheit verschaffen. Alle Symptome deuteten auf eine Erkrankung der Leber hin, er entnahm bei sich selbst eine Gewebeprobe, wie er das hin und wieder bei Patienten machte, und sandte diese an das Pathologische Institut der Universität zur Begutachtung. Als Facharzt für Inneres wusste er um die Bedeutung dieses Schrittes und dementsprechend gespannt fieberte er dem Befund entgegen ...
Eine Raumpflegerin und eine Krankenschwester der Anstalt treffen einander auf dem Gang. "Ist ja schrecklich, wie der Primar ausschaut." "Es geht ihm nicht allzu gut, fürchte ich", sagt die Schwester. Die Putzfrau: "Man munkelt, er hätte Krebs oder Aids, die Lustseuche, weil er doch öfters ..." "So ein Blödsinn!", entrüstet sich die Schwester, schnappt nach Luft und wird um eine Nuance blasser. "Wie die Leute nur so bösartig sein können. In Afrika wird er sich einen Virus eingefangen haben. Aber sagen Sie um Himmels Willen nichts weiter, ich möchte keine Schwierigkeiten bekommen!" "Nein, nein ...", sagt die Putzfrau zögernd. Dann: "Manche Leute haben gar gemeint, dass es die Strafe für sein ausschweifendes, gotteslästerliches Leben wäre." "Zu mir war er immer nett", wirft die Schwester ein. "Ja, ja, kann schon sein", murmelt die Putzfrau mehr zu sich selbst - "zu den hübschen Schwestern schon ..."
Nach einigen Tagen lag das Päckchen mit dem Befund auf dem Tisch im Chefbüro. Dort, wo schon immer wichtige Entscheidungen getroffen worden waren, wo das eine oder andere prickelnde Abenteuer seinen Ausgang genommen hatte, wo jedoch auch manches Dienstverhältnis unfreiwillig endete, weil das der Chef der Anstalt so gewollt hatte. Mit zitternden Händen öffnete der Primar das Päckchen, sein Blick flog über das Begleitschreiben, und mit einem Mal verfärbte sich sein ohnehin blasses Gesicht aschgrau.
In diesen Stunden begann ein Kampf auf Leben und Tod, denn dieser Mann war nicht gewillt, das scheinbar Unabwendbare ohne weiteres hinzunehmen, und er war fest entschlossen, das Schicksal zwingen zu können. Wer würde Sieger bleiben: Der Mensch, der bislang meinte, sein Leben jederzeit fest im Griff zu haben, oder der Tod, der bereits seinen Schatten auf den Primar geworfen hatte, und der diesem Gotteslästerer das Lebenslicht ausblasen wollte?
Die Monate vergingen. Der Chef des Hauses versah trotz seiner Beschwerden eisern seinen Dienst, er wollte überleben, und er wehrte sich mit all seiner verbliebenen Energie gegen den übermächtigen Gegner. Mit Medikamenten und einer speziellen Diät versuchte der Dahinsiechende seinen Körper zu entgiften und seine Leber zu regenerieren. War der Primar sonst eher labil veranlagt, so beschritt er diesen Weg zur Rettung seines Lebens mit höchstmöglicher Konsequenz, und er hatte nur noch ein Ziel vor Augen: Er wollte möglichst schnell wieder gesund werden. Mit letzter Kraft schleppte er seinen Körper über Stiegen und Gänge, selbst Türschließer konnte er kaum noch aufdrücken. Doch er hoffte noch immer ...
Nach und nach hatte den Primar die Krankheit verändert. Nicht nur äußerlich, auch innerlich war er ein anderer geworden. Keine abfälligen Bemerkungen über irgendwelche Untermenschen waren von ihm zu hören, und kein beißender Hohn über seine nicht so erfolgreichen Mitmenschen kam über seine Lippen. Patienten, auch wenn sie noch so ungebildet, arm und einfältig waren, begegnete er mit der nötigen Achtung vor dem Leben, und jeglicher Hochmut war aus ihm gewichen. Sogar die ältere Laborantin, über die er sich früher allzu gerne wegen ihrer Frömmigkeit lustig gemacht hatte, auch sie war jetzt vor seinem Spott sicher, ja mehr noch: Der Primar kam eines Tages mit einer ansehnlichen Geldspende am örtlichen Pfarrhof vorbei und trat wiederum der Kirche bei, aus der er in jungen Jahren ausgetreten war. Erhoffte er sich mit dieser Tat womöglich Hilfe von "oben"?
Die Zeit verging und der Winter hatte mit voller Wucht eingesetzt. Schwere Schneefälle wechselten sich ab mit sonnigen, frostigen Tagen, an denen das Weiß kristallen auf den Wiesen und Bäumen der Gebirgslandschaft glitzerte. In jener Nacht fegte der Sturm durch das Tal und trieb die Schneeflocken waagrecht vor sich her. Von tiefer Finsternis umgeben lag der Primar in seinem Bett, er war von den vielen schmerzstillenden Medikamenten zwar benommen, doch wach genug, um über sein Leben und seinen Zustand nachzudenken. Plötzlich vernahm er wie aus weiter Ferne die Worte des Alten, den er einst untersucht hatte: "Das Wichtigste ist wohl die Gesundheit!" Wie geringschätzig hatte er doch damals über den Mann gelächelt, als dieser von Gesundheit, Zufriedenheit und seinen anständigen Söhnen gesprochen hatte, und sein Gesicht nahm einen gequälten Ausdruck an.
Die Angst vor dem Sterben saß tief in ihm, und der letzte Funken Mut war in seinem Inneren im Verlöschen. Sein Körper bestand nur noch aus Haut und Knochen, der Schweiß klebte an seinem Pyjama, und nur mühsam wälzte er sich im Bett von einer Seite zur anderen.
"Gloria, Gloria!"
Mit müder Stimme wandte er sich an seine im Nebenbett schlafende Gemahlin, doch sein Rufen war vergeblich, seine Gattin hörte ihn nicht, hatte sie es sich doch zur Gewohnheit gemacht, starke Schlaf- und Beruhigungsmittel zu nehmen, sonst hätte sie das Leben an seiner Seite nicht mehr ertragen. Denn je mehr die Hoffnung auf eine Rettung aus dem Primar gewichen war, desto heftiger waren schließlich die Aggressionen aus ihm herausgebrochen. In letzter Zeit war er deshalb auch für seine Familie beinahe unausstehlich geworden. Doch er wehrte sich entschieden gegen eine Einlieferung in ein Krankenhaus, zu genau wusste er, dass dies die letzte Station in seinem Leben sein würde.
Der Wind pfiff durch die Winternacht, Fensterläden schlugen an die Wand, als unser Todkranker stöhnte: "Hört mich denn niemand? Gibt es denn keine Gnade? Hab ich nicht schon genug gelitten? Warum gerade ich? Gibt es nicht Tausende andere, die den Tod viel eher verdient hätten? Lass mich bitte nicht sterben, Herrgott im Himmel!" Verbittert lag er in seinem Bett und starrte ins Dunkel. Tränen quollen aus seinen Augen, schwer ging sein Atem und vergeblich rief er nochmals nach seiner Frau.
*** Mit den wärmenden Strahlen der Frühlingssonne erwachte die Natur aus ihrem Winterschlaf, überall spross neues Leben, es schwirrte und summte, grünte und blühte. Quirlend drang das Wasser aus unzähligen Quellen hervor - die ganze Landschaft schien ein einziges Kraftwerk zu sein. Auch unser Todkranker bekam einen Teil dieser Kräfte für sich ab. War er in den letzten Wochen beinahe unausstehlich gewesen, so verschwanden nun seine Aggressionen und er wurde ruhiger, erträglicher und haderte nicht mehr wegen seines schweren Loses mit dem Schicksal. Irgendwie schien er zu verstehen. Als man ihn zu seiner letzten Fahrt in den Krankenwagen hob, hatte er sich in sein Schicksal ergeben ...
***
Erschüttert hielt der Alte die Zeitung in der Hand, und sein Blick flog über die Zeilen der Traueranzeige: "Unglaublich, und dabei wirkte er noch vor einem Jahr so sicher, so kräftig, so unverwundbar!"