Vier Stufen und dann nochmals fünf, und ich stehe vor der Tür. Ich halte kurz an, sehe das Schild mit dem Totenkopf in der Mitte: Warteraum. Eigentlich ganz so wie bei meinem Zahnarzt, denke ich mir und meine Gefühle sind in etwa die gleichen, als ich die Türschnalle niederdrücke und eintrete
"Guten Tag."
Aus einer Ecke des Raumes dringt leises Murmeln an mein Ohr, das wohl eine Erwiderung meines Grußes sein sollte. Sonst ist nichts zu hören. Ich blicke mich kurz um, sehe den Kleiderständer neben der Tür, hänge meinen Parker über den Bügel und suche mir den freien Platz hinten an der Wand beim Fenster. Von einem Tisch angle ich mir eine Zeitschrift und nehme Platz.
"Sie sollten sich zuerst anmelden."
Die Frau neben mir in mittleren Jahren sagt es mit leiser Stimme.
"Sonst werden Sie nicht aufgerufen."
"Danke!"
Ich erhebe mich, mache ein paar Schritte hin zur Tür, zögere einen Moment und klopfe an. Keine Antwort.
"Gehen Sie ruhig hinein."
Gefasst sagt es der ältere Herr neben der Tür und nickt mit dem Kopf. Ich drücke die Schnalle hinunter und stehe kurz danach vor einem weißen Pult, hinter dem eine Frau mit glatt nach hinten gekämmtem Haar und Hornbrille telefoniert. Mit einem Wink ihrer Hand heißt sie mich, auf dem Sessel vor dem Pult Platz zu nehmen, während ihr Blick kurz über mein Gesicht streift.
"Können wir leider nicht verschieben! Tut mir leid. Nein! Und bitte pünktlich!"
Sie legt den Hörer auf und murmelt: "Wieder einer, der Aufschub haben will", und schüttelt dazu den Kopf. Sie sieht mich prüfend an.
"Wurden Sie für heute bestellt?"
"Nein. Ich bin freiwillig hier."
"Freiwillig?" Erstaunt kommt es aus ihrem Mund.
"Ja, freiwillig."
"In letzter Zeit häufen sich die Freiwilligen. Doch selten sind welche in Ihrem Alter dabei. Meist handelt es sich um Junge oder bereits in die Jahre Gekommene. Und Sie - Sie wollen mit noch nicht einmal 50 wirklich bereits gehen?"
"Bin einiges über 50", werfe ich ein.
"Sie sehen jünger aus. Ist ja egal. Sie wissen doch, wo Sie sich befinden?"
"Absolut!"
"Und Sie wollen das auch ganz bestimmt?"
Ich nicke. Dann kommt mein "Ja" aus doch etwas rauer Kehle, während mein Blick hingleitet zur Tür am Ende des Vorraumes. Dieser Tür mit den goldenen Beschlägen an den Angeln und der dicken Polsterung am Rücken. Die Frau schiebt mir ein Antrags-Formular her und bittet mich, es auszufüllen. Und - überlegen Sie es sich gut. Denn wer einmal unterschrieben hat, für den gibt es kein Zurück!"
"Ist schon in Ordnung. Mache ich."
Sie reicht mir einen Stift, blättert in einer vor ihr auf dem Tisch liegenden Akte, erhebt sich, geht zur Tür, die zum Warteraum führt, rückt ihre Brille zurecht, öffnet und ruft einen Namen. Wenig später erscheint der rundliche Herr von vorerst in der Tür.
"Gehen Sie ganz einfach weiter. Er wartet schon auf Sie."
Der Mann, etwa an die 80, streicht sich mit einer Hand über sein schütteres Haar, hebt Kopf und Brust, atmet tief und ist nach wenigen Augenblicken hinter der Tür verschwunden.
"So ists gut. Wenigstens einer, der die Sache mit Fassung trägt. Na ja, die Alten. Manche freuen sich ja regelrecht darauf. Ist auch gut so."
Die Sekretärin des Chefs scheint das mehr zu sich selbst zu sagen als zu mir.
"Brauchen Sie Hilfe beim Ausfüllen?"
Sie streckt ihren Busen übers Pult und sieht mich fragend an. Eine Frau etwa in meinem Alter.
"Danke! Werde mich schon zurecht finden."
"Bei den Freiwilligen ist der Chef immer ein bisschen misstrauisch. Vor allem bei der Frage nach dem Grund des frühen Eintritts gibt es ab und zu Probleme, wenn er nicht so recht akzeptieren kann, was Einzelne da hinschreiben. In dieser Woche hat er bereits zwei Anträge abgelehnt und die Leute wieder heimgeschickt."
"Ich werde mich bemühen und hoffe, dass alles klappt!"
Mittlerweile habe ich wieder im Warteraum Platz genommen, in diesem mittelgroßen Raum. Nicht allzu gut beheizt, was mir erst jetzt irgendwie unangenehm auffällt. Na ja, November und draußen der Nebel. Mein Blick gleitet zum Fenster mit den blassen Vorhang-Seitenteilen und ich sehe das Grau und die Tropfen an der Außenscheibe. Nur schwer kann ich mich auf das Geschriebene in der Zeitschrift vor mir konzentrieren, geht doch bereits wieder die Tür auf und eine junge Mutter tritt mit ihrem etwa dreijährigen Kind ein. Das Kind sträubt sich irgendwie, doch die Mutter zieht die Kleine beinahe hinter sich nach. Was die wohl hier machen, die werden doch nicht auch bereits ...? Dann wird die Dame links von mir aufgerufen. Sie seufzt hörbar, als sie sich vom Stuhl erhebt. Grau ist ihr Gesicht und eingefallen, Falten des Grams und der Sorge haben tiefe Furchen hinterlassen. Ich stelle meine Diagnose und vermute, dass ein Karzinom drauf und dran ist, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie ist etwa in meinem Alter oder vielleicht sogar ein bisschen jünger. Schlimm, diese Krebs-Erkrankungen. Plötzlich denke ich an die Schwester meiner Mutter. Wie sie dahingesiecht ist und sich die Tür zum Jenseits beinahe täglich um einen Spalt weiter geöffnet hat. An dem Tag, an dem wir sie zum letzten Mal besucht haben, da haben sie geweint, die zwei Schwestern, und sich zum Abschied umarmt. Ich bin aufgestanden und zum Balkon gegangen, konnte mir das beim besten Willen nicht mit ansehen. Beiden rannen Tränen über ihre Wangen. Als ich nach einer Weile wieder ins Zimmer zurückkam, lag die vom Tod Gezeichnete in ihrem Doppeltbett und hat starr geradeaus geschaut. In diesem Bett, aus dem ihr Mann bereits vor Jahren "ausgezogen" war und sich auf den Friedhof zurückgezogen hatte. Jetzt würde es auch bei ihr nicht mehr allzu lange dauern.
Das waren damals in etwa meine Gedanken. Dann hat sie noch einmal zu mir hergeschaut. Niemals werde ich diesen Blick vergessen. Eindringlich hat sie geschaut, so als ob sie durch mich hindurchschauen wollte. Mit einem total starren Blick, und irgendwie war mir, als ob ein Scheinwerfer auf mich gerichtet wäre in rabenschwarzer Nacht. Exakt in meine Augen. Dann hat sie ihren Mund ein wenig aufgemacht und ganz leise gefragt: "Wer bist denn du?"
Die Frau neben mir war aufgestanden, während ich mit meinen Gedanken bei meiner Tante weilte. Sie fischte sich ihren Mantel vom Haken und ging die paar Schritte zur Tür. Ich schüttelte unmerklich den Kopf und fragte mich, wozu sie ihren Mantel wohl noch mitnimmt, wo sie ihn so und so nicht mehr brauchen würde. Oder etwa doch? Drüben. Könnte ja durchaus sein. Drüben - wie das klingt. Bald würde auch ich "drüben" sein. Sofern mein Antrag vom Chef grünes Licht bekommen würde, was für mich jedoch außer Frage stand, hatte ich doch genügend Gründe angeführt, warum ich nicht mehr hier bleiben konnte. Absolut genügend. Bei mir gab es ganz bestimmt keine Probleme.
Beruhigt lasse ich mich in meinen Sessel zurücksinken und irgendwie genieße ich die Stille im Raum. Auch das Mädchen sagt kein Wort, lehnt sich nur an die Beine der Mutter und hält sich am Rockzaum fest. Ruhig geht mein Atem und ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Bald würde ich alles hinter mir haben und nie mehr diese Leere in mir ertragen müssen. Diese schreckliche Leere und diese Freudlosigkeit. Endlich würde ich meine Ruhe haben. Herrlich!
Da geht die Tür wieder auf und eine alte Frau kommt herein. Rundlich, mit auffallend rosa Wangen und etwas außer Atem. Die Stiegen, schießt es mir durch den Kopf, womöglich war sie nicht mehr allzu gut bei Kräften, hatte sie doch bereits einige Jährchen auf dem Buckel, die Gute. Aber um von der Bühne des Lebens abzutreten, dazu schaut sie mir beinahe zu gut aus. Wird wohl das Herz sein, vermute ich. Mein Blick gleitet zur Mutter mit dem Kind. Warum müssen die zwei schon hinüber? Vielleicht ein Unfall? Könnte durchaus sein.
Ich ertappe mich dabei, beinahe zu sehr in ihre Richtung zu starren, wende meinen Kopf und meine Augen suchen wieder diesen Artikel in der Zeitschrift, den ich wie zufällig entdeckt hab. Titel: "Erfüllen Sie sich Ihren Lebenstraum!" Irgendetwas regt sich in meinem Inneren. Lebenstraum! Hab ich so etwas jemals in mir verspürt? Etwa in meiner Kindheit? Nein! Absolut kein Lebenstraum. Ich brauchte von nichts zu träumen, hatte doch alles. Gewünscht hab ich mir natürlich manches, aber das war nicht so wichtig. Ich hatte meine Katze, die Ziegen im Stall, die Hühner mit dem riesigen Gockel und das Plätschern des Brunnens. Auch den Wind, die Wolken am Himmel, die Sonne und meinen Wald mit den riesigen Bäumen, auf die ich so gern geklettert bin. Lebenstraum? Nein!
Plötzlich höre ich die Kleine neben mir: "Mama, ich hab Durst."
"Sei bitte ruhig! Es kann nicht mehr lange dauern und wir sind an der Reihe. Dann ist alles vorbei. Doch ..." - sie hält inne und zögert für einige Augenblicke - "der Papi wird auf uns warten. Das macht mir Sorgen."
"Warum muss er warten?", wieder die Kleine.
"Das sag ich dir, wenn wir drinnen sind. Jetzt kann und will ich nicht soviel reden."
"Aber ich hab Durst."
"Drinnen bekommst du zu trinken, da geht es uns dann gut. Nur der Papa ...", und sie seufzt. Die Kleine zieht einen Schmollmund und setzt sich auf den Schoß der Mutter.
Meine Gedanken wandern zurück zu meiner Kindheit. Wäre es so weiter gegangen mit meinem Leben, dann säße ich heute bestimmt nicht hier und könnte womöglich in Ruhe warten, bis ich den Abberufungsbefehl bekommen würde. Aber so.
Die Tür geht auf, die Assistentin erscheint und ruft die Frau mit dem Kind auf. Schweigend verschwinden beide hinter der Tür. Dann öffnet sich die Tür von neuem. Die Assistentin kommt heraus, geht einige Schritte zu mir her und sagt leise: "Bei Ihnen wird es etwas länger dauern, der Chef ist noch zu sehr mit den Einberufenen beschäftigt. Aber ich hoffe, er kann Ihren Antrag noch am Vormittag erledigen. Haben Sie in der Zwischenzeit noch irgendetwas zu erledigen?"
"Bereits alles erledigt. Nein."
Sie nickt, dreht sich um und entschwindet durch die Tür. Plötzlich ist nur noch die Alte außer mir im Warteraum. Das ist eine gute Chance, bald dranzukommen. Verstohlen blicke ich in ihre Richtung. So, als ob sie darauf gewartet hätte, reagiert sie auf meinen Blick.
"Es geht mich zwar nichts an, aber warum sind Sie abberufen worden?"
"Bin freiwillig hier!"
"Das kann doch nicht sein. In Ihrem Alter und freiwillig. In diesem rüstigen Zustand!"
"Nur körperlich rüstig", entfährt es meinem Mund. "Seelisch bin ich im Rollstuhl und geistig auch eher verkrüppelt."
Sie blickt mich ungläubig an und schüttelt den Kopf.
"Das kann doch nicht sein!"
"Doch!", meine Antwort. "Das Schicksal hat mit mir Ping-Pong gespielt und dabei ist der Ball zerbrochen."
"Wie soll ich das verstehen?"
"Bin im Leben gescheitert und ziehe jetzt die Konsequenzen."
Wieder sie: "Freiwillig würde ich niemals gehen. Wäre nicht die Geschichte mit meinem Herzen, dann würde ich wohl noch auf meinem Bauernhof ..."
Weiter kommt sie nicht, denn wieder öffnet sich die Tür und sie wird aufgerufen. Mit einem beinahe schon mitleidigen Lächeln blickt sie mich an, schüttelt nochmals den Kopf , erhebt sich und ist wenig später aus meinen Augen verschwunden.
Der Nächste bin wohl bereits ich. Irgendwie frohlockt dieser Gedanke in meinem Gehirn. Der absolut Nächste. Plötzlich meldet sich eine innere Stimme: "Noch kannst du umdrehen, noch hat sie dich nicht aufgerufen, denn, wenn sie dich aufruft, ist es zu spät! Denk doch auch an die schönen Stunden in deinem Leben! Und noch etwas - es kann doch alles wieder anders werden!"
Irgendwie bin ich verunsichert. Diese Stimme, mit diesen eindrucksvollen Worten. Wer ist das, und woher kommt dieser feste Klang?
"Ich bin dein Gewissen, hast du das bereits vergessen. Und gleich neben mir sitzt die Hoffnung. Die lässt dich auch grüßen, hat sie mir soeben zugerufen."
Da klopft es an der Tür. Noch ehe ich mich weiter mit diesen inneren Stimmen beschäftigen kann, tritt ein Mann ein. Groß, im weißen Arbeitskittel. Eingefallen ist sein Gesicht, die Augen liegen tief in den Höhlen, die Hände sind knöchern und abgemagert. Ruhig steht er da und blickt mich an. Dann nimmt er den Hut ab und hängt ihn an den Ständer.
"Scheint ja jede Menge Platz hier zu sein."
Mit diesen Worten, die er eher zu sich selbst als zu mir zu sprechen scheint, lässt er sich auf einen Sessel nieder. Dann wendet er sich mir zu: "Ein Wahnsinn, die zwei Kerle haben mich ganz einfach hierher geschleppt. Bin nämlich Chemiker und hab experimentiert. Doch ich konnte nicht mehr weitermachen, sie haben mich zu früh geholt ..."
Erregt kommen die Worte aus dem Mund des Mannes und klingen irgendwie verwirrt. Dann fährt er fort: "Aber das wird Sie womöglich nicht interessieren."
"Sprechen Sie ruhig weiter, mich interessiert zwar in letzter Zeit so gut wie gar nichts mehr an diesem Leben, aber wenn Sie mir ein bisschen von Ihnen erzählen wollen, dann höre ich gerne zu."
Der Mann mustert mich von oben bis unten.
"Sie sehen rüstig aus. Was hat Sie weggerafft? " "Bin ein Freiwilliger. Hab soeben meinen Antrag abgegeben. Hoffe, dass alles damit klappt."
"Ein Freiwilliger? Sie wollen doch nicht sagen, dass Sie aus freien Stücken gehen wollen?"
"So ist es."
"Unglaublich! Aber ich weiß, dass der Wunsch danach in so manch einem Kopf herumgeistert. Und einige machen dann tatsächlich Schluss. Ich wäre niemals freiwillig gegangen. Hab mit letzter Kraft um ein Überleben gekämpft."
Es folgt eine kleine Pause, dann sagt er: "Geht freiwillig!" Und eher zu sich selbst: "Wenn mein Experiment allerdings gelingt, dann könnten doch tatsächlich ...", er nickt und sein Gesicht nimmt einen bedeutungsvollen Ausdruck an.
Es ist absolut ruhig im Warteraum, nur eine Fliege surrt am Fenster.
Dann fährt er fort: "Wissen Sie, junger Mann", er schaut mich intensiv an und beugt sich zu mir her, "ich darf doch so zu Ihnen sprechen? Sie sind ja um etliche Jahre jünger als ich. Wissen Sie, das Leben spielt doch so oft verrückt. Nehmen wir nur uns beide her. Sie wollen gehen, ich unbedingt bleiben und keinem wird womöglich sein Wunsch erfüllt. Ist das nicht sonderbar?"
Plötzlich tut mir der Mann irgendwie leid und ich überlege ernsthaft, ob ich nicht dem Chef da drinnen den Vorschlag machen soll, einfach an seiner Stelle zu gehen. Vielleicht hat der Chef meinen Antrag noch nicht durchgesehen und wir könnten das auf diese Art erledigen.
"Moment, ich bin gleich wieder da."
Ich erhebe mich, gehe zur Tür, öffne und stehe mit wenigen Schritten vor der Assistentin.
"Entschuldigen Sie, ich habe eine Frage: Da draußen sitzt ein Herr, der möchte auf gar keinen Fall schon gehen. Und ich - ich bin ja noch nicht akzeptiert. Vielleicht könnten wir meinen Antrag noch einmal überdenken."
Mit einem Kopfschütteln schaut sie mich an, bevor sie sagt: "Wie stellen Sie sich das vor. Zuerst wollen Sie unbedingt und jetzt sollen wir das wieder ändern. Außerdem hab ich Ihren Antrag bereits abgegeben."
"Ich will ja dennoch gehen, verstehen Sie. Bei mir bleibt alles beim Alten. Aber ich würde gern für den Herrn draußen im Warteraum ..."
"Sie sind mir ein Spaßvogel. Für den Herrn im Warteraum. Da gibt es nichts zu tauschen. Der ist ein fix Herbestellter. Da lässt sich bestimmt nichts mehr ändern."
Ich ringe nach passenden Worten und will mich nicht so schnell geschlagen geben.
"Ich bin doch freiwillig hier und will mit ihm tauschen. Ich gehe statt ihm, und Sie sind so nett und sagen das ihrem Chef."
"Wie kommen Sie auf solche Ideen? Sie wollen doch nicht einem wildfremden Menschen ihr Leben schenken? Und wenn schon, das würde der Chef niemals gelten lassen. Wenn das aufkäme und auch noch andere außer Ihnen ..."
Ich unterbreche die Frau: "Aber es weiß doch kein Mensch außer uns beiden davon, und es wird auch nie irgendjemand davon erfahren."
"Nein, nein, schlagen Sie sich das aus dem Kopf. Es geht ganz einfach nicht."
Da höre ich zum ersten Mal die Stimme des Chefs über die Sprechanlage: "Frau Rosi, schicken Sie den Nächsten!"
"Da haben wirs. Er ist schon an der Reihe. Und ich hoffe, auch Sie müssen nicht mehr allzu lange auf ihre Bewilligung warten. Obwohl ...", und sie sieht mich wieder von oben bis unten an, "obwohl Sie wirklich beinahe noch zu gut für so etwas aussehen."
Sie kommt hinter ihrem Pult hervor, geht zur Tür und ruft in den Warteraum: "Der Nächste, bitte!"
Doch der Mann im weißen Mantel war verschwunden. Und dann geschah etwas, was die Sache total verändern sollte ...
***
"Treten Sie ein!"
Leise tönt es vom über der Tür angebrachten Lautsprecher zu mir her. Die Assistentin gibt mir einen Wink, ich erhebe mich vom Stuhl und bin mit einigen Schritten an der Tür. Dick gepolstert, wie schalldichte Türen eben sind. Ich drücke die Schnalle hinunter und öffne. Der Duft von Flieder oder dergleichen dringt an meine Nase, als ich in den nur spärlich beleuchteten Raum gehe. Überall brennen Kerzen an den Wänden. Ein riesiger Teppich bedeckt den Boden und vergeblich suchen meine Augen nach dem Mann mit dieser sonoren Stimme. Ich bleibe kurz stehen und schaue nach hinten ins Halbdunkel.
"Kommen Sie näher!"
Ich kann nur die Umrisse des Mannes erkennen. Große Gestalt, weißes, wallendes Haar, und wie dieses wallt auch eine Art Kittel an ihm. Purpur gefärbt oder zumindest dunkel-rötlich mit goldenen Streifen. Genau kann ich das nicht erkennen. Der "Chef" persönlich, und irgendwie verspüre ich eine wohltuende Ruhe in mir aufsteigen. Das macht wohl die Atmosphäre dieses Raumes aus. Der Duft, das gedämpfte Licht und die Stimme dieses Mannes.
"Nehmen Sie Platz!"
Ich gehe einige Schritte hin zu einem Tisch mit Sessel und lasse mich im Stuhl nieder.
"Meine Sekretärin hat mir bereits Ihren Antrag zur Bearbeitung hereingereicht. Sie sind ein Freiwilliger und wollen tatsächlich bereits gehen?"
Meine Augen suchen das Gesicht des Mannes zu erspähen. Doch es ist zu dunkel, um diesen Mann besser erkennen zu können. Ich erkenne nur Konturen. Egal. Ich schlucke und mein Mund öffnet sich ...
***
Nach etwa einer Stunde verlasse ich den Raum wieder. Eigentlich nicht sehr gerne, denn ich hab mich sofort wohl gefühlt in diesen vier Wänden. Vielleicht mag das auch am Chef selbst gelegen haben, denn er war ausnehmend freundlich und nett zu mir. Kein bisschen streng, und ich hab all meine Probleme der letzten Zeit vor ihm ausgebreitet. Still saß er da und hat zumeist nur genickt. Und als ich ihm schließlich von meiner Tausch-Absicht berichtet hab, hat er gesagt: "Suchen Sie ihn und kommen Sie mit ihm zu mir. Aber dem Tausch stimme ich nur zu, wenn Sie ihn dazu bringen mit seinen Experimenten aufzuhören."
"Mit welchen Experimenten?"
"Das soll er Ihnen selbst sagen! Sie können jetzt gehen. Was ich noch sagen will: Er ist ein schwieriger Charakter und es wird wohl schwer sein, ihn zu überzeugen. Ich gebe Ihnen drei Tage Zeit, dann erwarte ich Sie zurück. Meine Assistentin soll Ihnen die Adresse geben.
Wenig später bin ich wieder bei der Sekretärin.
"Suchen wollen Sie ihn?"
"Ja. Ein Vorschlag vom Chef."
Sie sieht mich an, nickt und kramt in einer Akte.
"Hier, da steht es ja groß und deutlich. Viel Glück. Einmal wollten wir den Herrn bereits einberufen, doch er war damals verschwunden. Hat gedauert, bis wir ihn diesmal gefunden haben. Und jetzt hat er sich doch tatsächlich aus dem Staub gemacht."
Als ich den Warteraum verlasse, sitzen bereits wieder einige Neuankömmlinge in ihm. Ich nehme meinen Hut vom Kleiderständer, streife meinen Parker über und schließe die Tür lautlos hinter mir.
***
"Nein. Hier ist er nicht, er ist kurz vor Mittag weggegangen. Wahrscheinlich arbeitet er in seinem Labor. Was wollen Sie von ihm?"
"Geschäftliche Angelegenheiten", antworte ich kurz.
"Auch Chemiker?"
"Nein, ich muss ihn nur etwas fragen. Brauche sozusagen eine Auskunft von Ihrem Gatten."
Die Frau sieht mich prüfend an und überlegt kurz, ob sie mir den Weg zum Labor beschreiben soll. Dann gibt sie mir die Adresse.
"Ist eigentlich eine Geheim-Adresse. Gern sieht er es nicht, wenn ich sie weitergebe."
Wieder sieht sie mich prüfend an, ehe sie fortfährt: "Sagen Sie ihm bitte, dass er nicht wieder die halbe Nacht dort verbringen soll. Sind Sie so lieb?"
"Mache ich gerne. Und - danke."
Nach einigem Suchen stehe ich vor dem Haus mit der angegebenen Nummer. Ich schaue auf die Namensschilder am Eingang, finde den Namen und drücke an der Glocke. Nach einigen Augenblicken tönt es aus der Sprechanlage: "Wer ist da?"
Ich überlege kurz, was ich sagen soll, bevor ich antworte: "Der Mann aus dem Wartezimmer, mit dem Sie am Vormittag gesprochen haben."
"Was wollen Sie von mir?"
"Sie wissen ja von meinem Vorschlag. Der Chef ist einverstanden, wir müssen nur die Details besprechen."
Es knarrt an der Tür:: "Kommen Sie herein. Vierter Stock, Tür 11."
Wenig später stehe ich vor der beschriebenen Tür. Dr. Heribert Milchbart - Chemiker. Die Tür steht einen Spalt offen und ich trete ein. Es riecht eigenartig, nach Säuren oder dergleichen, oder wie damals in der Ordination meines Taufpaten. Ja so ähnlich, denke ich mir, während ich einige Schritte in den Raum mache.
"Begrüße Sie."
Der hagere Mann im weißen Mantel streckt mir die Hand entgegen und lächelt.
"Wie haben Sie hergefunden?"
"Ihre Gattin hat mir die Adresse gegeben."
"Eigentlich habe ich ihr verboten, sie an Fremde weiterzugeben."
"Sie hat damit gezögert, aber ich habe ihr gesagt, dass ich beruflich mit Ihnen zu tun hätte und eine Auskunft von Ihnen benötigen würde."
Er mustert mich, bevor er sagt: "Ist in Ordnung. Sie hat ein gutes Gespür für Menschen. Scheint Ihnen zu vertrauen, sonst hätten Sie meine Labor-Adresse wohl niemals erfahren. Legen Sie bitte ab und nehmen Sie Platz. Und - erzählen Sie ..."
***
Längst hatte das Dunkel der Nacht den Tag besiegt und wir saßen uns bereits stundenlang gegenüber. Zwischendurch stand mein Mund vor Staunen offen und manchmal meinte ich, ich könnte meinem Gegenüber gedanklich kaum folgen, als er mir von seinen Versuchen berichtete und von den Ideen, wie er dazu gekommen war. Seine Augen funkelten und seine Worte purzelten wie Sturzbäche aus seinem Mund. Manchmal schien er sich gar nicht bewusst zu sein, dass ich zuhörte, und ich hatte den Eindruck, dass er mehr zu sich selbst, als zu mir sprechen würde, und auf manche Frage gab er sich tatsächlich selbst die Antwort, bevor ich dazu irgendeine Stellung nehmen konnte.
Er hatte mir ein Getränk angeboten. Grünlich. Vielleicht handelte es sich dabei um eine Art Pfefferminz-Likör und mich aufgefordert, mit Soda zu verdünnen. Zwei Flaschen standen vor uns auf dem Tisch. Eine mit grünem Inhalt und noch eine andere, dunkle und viel größere mit einem Hebel am Kopf . Sie schien eine Siphonflasche zu sein, die man heute nur noch selten irgendwo antrifft. Jedenfalls perlte es ganz gewaltig, als ich mir damit in mein Glas spritzte. Das Getränk erfrischte mich und auch mein Magen knurrte nicht mehr vor Hunger, hatte ich doch seit dem frühen Morgen nichts mehr zu mir genommen. Und - irgendwie war ich berauscht, oder bildete ich mir das womöglich nur ein? Er lachte, als ich ihm das sagte.
"Das Getränk hab ich selbst zusammengemixt. Es nimmt das Hungergefühl, erfrischt und erweitert ein bisschen das Bewusstsein. Zwei Glas pro Tag davon zu mir genommen und es geht mir gut. Ich muss nur aufpassen, nicht zuviel davon in meine Gurgel zu bekommen, denn dann werde ich zu euphorisch und kann danach kaum noch schlafen. Plötzlich blickt er auf seine Uhr: "Ist schon spät. Ich muss heim zu meiner Gattin, die macht sich sonst Sorgen. Aber wir müssen morgen weiter verhandeln. Kommen Sie am besten gleich am Vormittag wieder vorbei. Ich werde schon sehr zeitlich hier sein und bin nahe daran, mein Experiment erfolgreich abzuschließen. Ich brauche jedoch eine Versuchsperson. Vielleicht haben Sie Lust zu diesem außergewöhnlichen Experiment? Ihnen kann ja nichts passieren, Sie wollen ja so hinüber."
Bei diesen Worten sieht er mich erwartungsvoll an und hoffte wohl, dass ich zustimmen würde.
"Da müssen Sie mir schon mehr darüber verraten. Ich bin ja kein Versuchskaninchen."
"Sie werden über die Wirkung staunen. Aber ..." - er kratzt sich an der Stirn, blickt nachdenklich in mein Gesicht und sagt: "Das Gegenmittel macht mir Sorgen, und ich kann nur hoffen, dass die Tropfen tatsächlich wirken. Sonst können Sie mir leider nichts mehr über unseren Versuch mitteilen."
Nach wenigen Minuten verließen wir das Hochhaus, und ich schritt durch die engen Gassen der Großstadt den Weg heimwärts. Ein merkwürdiger Geselle, aber irgendwie faszinierend. Das waren meine Gedanken, und ich wusste wohl bereits, dass ich mich für seine Versuche zur Verfügung stellen würde. Was hatte ich denn noch zu verlieren außer meinem Leben? Und genau das wollte ich ohnehin "ad acta" legen. Um mich vornehm auszudrücken.
Zu Hause angekommen entledigte ich mich meiner Kleider, stellte mich unter die Dusche, putzte meine Zähne und bettete mich zur Ruhe. Doch vom Schlaf konnte keine Rede sein. Ich fühlte mich merkwürdig erfrischt und munter. Und das, obwohl die Mitternacht längst angebrochen war. Der Mond war nahe daran, sein volles Rund zu erreichen und warf sein Licht zum Fenster herein. Ich liebte mondhelle Nächte, wenn die nur spärlich am Himmel erkennbaren Wolken an dieser Scheibe vorbeizogen, und ich manchmal meinte, der Mond würde über das Firmament laufen. Ich blickte zum Fenster hinaus und plötzlich hörte ich wieder seine Worte: "Ich werde mit meinem Mittel für die Menschheit neue Dimensionen eröffnen. Mit Ihrem Tausch kann ich vielleicht noch eine Weile weitermachen, wenn er zustimmt. Ich hoffe, ich kann ihn davon überzeugen."
Irgendwann war ich ja doch eingeschlafen, und ich hatte einen merkwürdigen Traum. Ich war in einem Wander-Zirkus, lebte mitten unter Tierpflegern, Artisten und Dompteuren, und als ich im Wohnwagen in den Spiegel blickte, schaute mir ein Clowngesicht entgegen ...
"Du musst mich heute vertreten, bist der Einzige, der es eventuell schaffen könnte."
"Was soll ich schaffen können?"
"Ich kann heute nicht hinein in den Käfig, verspüre so ein merkwürdiges Gefühl in der Brust. Etwas wie Angst, weißt du."
"Und ich soll dich vertreten? Das glaubst du wohl selbst nicht! Ich bin ein Clown und kein Dompteur. Nie und nimmer."
Wir standen in der Manege, kein Mensch außer uns war zu sehen. Vor dem Riesenzelt weideten zwei Elefanten etwas Gras ab, sie waren mit schweren Ketten an je einem Bein angebunden und konnten sich kaum bewegen. Jetzt stand mir ein Prachtexemplar von Mann gegenüber: Groß, kräftig gebaut, etwa 40 Jahre alt, mit vollem Haar und - dennoch wirkte er irgendwie unsicher, und er schaute mich erwartungsvoll an. Dann sagte er: "Dir tun die Tiger ganz bestimmt nichts, die mögen Clowns, glaub mir das bitte!"
"Die Tiger? Zu denen soll ich anstatt dir hinein?"
"Ja, ausnahmsweise. Nur heute Abend bei der Vorstellung. Ich fühl mich heute wirklich nicht gut, und das merken die Viecher sofort. Hatte schon einmal so einen Tag, da sprang mich der Hector an, aber ..."
"Du spinnst wohl. Ich bin ja nicht lebensmüde!"
"Nur dieses eine Mal. Bitte!" Flehentlich schaute mich der Man an. "Du bekommst natürlich meine Gage."
"Behalt dein Geld. Aber - eigentlich könnte ich das ja wirklich für dich machen. Bei mir kann so und so nicht viel schief laufen."
***
Der Abend war gekommen und das Zelt einigermaßen gefüllt mit Zusehern. Ich hatte die Lacher auf meiner Seite und zog meine gewohnte Nummer ab. Dann kamen die Pferde und die Seehunde mit den Bällen und den Fischen. Danach agierten vier Artisten und eine junge Artistin am Hochseil mit dem Fliegen durch die Luft und dem Auffangen des Mädchens. Und dann der Aufschrei aus dem Publikum, als die Frau mit einer Hand danebengriff. Aber ihr Partner konnte sie gerade noch mit der anderen fassen. Mein Herz klopfte wild in meiner Brust, doch schon hörte ich den Tusch von der Kapelle und die Ansage des Direktors, dass jetzt als Höhepunkt die Tiger-Nummer käme.
Der Dompteur stand vor dem riesigen Eisenkäfig und ein Tiger nach dem anderen kam in dieses Rund, und alle fünf setzten sich auf fünf verschiedene Hocker. Riesige Katzen und wunderschön anzusehen. Der Dompteur winkte mich zu sich, und ich war mit wenigen Schritten bei ihm. Jetzt nahm er ein Mikrofon zur Hand und schon hörte ich ihn sagen: "Heute haben wir etwas Besonderes für Sie vorbereitet. Heute werde nicht ich, heute wird unser Clown die Tigernummer abwickeln, denn heute ist ein besonderer Tag. Der Tag unseres Clowns sozusagen. Und glauben Sie mir, die Tiger wissen noch nichts davon", und er drückte mir bei diesen Worten die Peitsche in die Hand und öffnete die schmale Eingangstüre. Ich zögerte einen kurzen Augenblick, verneigte mich vor den Zuschauern und stand gleich danach im Käfig.
Die Türe hatte der Dompteur von außen schnell wieder geschlossen. Wir hatten die Nummer am Vormittag kurz besprochen - ich brauchte nur vor die Tiger hinzutreten und mit meinem linken Arm in die Höhe fahren. Womit ich die Tiger zum Aufstehen auf die Hinterbeine auffordern würde. Und sollte eine der Katzen nicht sofort gehorchen, dann müsste ich nur mit der Peitsche auf den Boden knallen, das würde immer wirken und sie zum Gehorsam zwingen. Danach zweimal mit der Peitsche schnalzen. Das war das Kommando für die Tiger, ihre Plätze zu tauschen.
Ich stand vor den Raubkatzen und zwei von ihnen fletschten die Zähne. Ich spürte, wie mich der Mut verließ, sah einen Tiger von seinem Sockel springen und knallte mit der Peitsche auf den Boden. Er machte kehrt und sprang wieder auf seinen Standplatz. Die Menge kreischte, einen Clown hatten sie wohl noch nie in einer Tigernummer erlebt. Sie klatschten und lachten, als meine erste Nummer tadellos gelang, und die Tiger sich auf ihre Hinterbeine erhoben hatten. Jetzt knallte ich wieder mit der Peitsche, vielleicht um die Spur zu früh, denn plötzlich sprangen alle fünf Tiger gleichzeitig von ihren Sockeln und rannten auf mich zu ....
Schweißgebadet bin ich erwacht. Ich keuchte und mein Puls raste. Aber - ich lag in meinem Bett und weit und breit war nichts von einem Zirkus zu sehen.
Seltsam, ich hatte eigentlich kaum jemals Albträume gehabt. In meiner Kindheit manchmal einen, der immer wieder in Abständen von Monaten irgendwie gleich ablief, wenn mir irgendjemand nachlief und mich fassen wollte. Und ich rannte, so schnell ich konnte, doch irgendwann stolperte ich immer, raffte mich auf, rannte weiter und - fiel wieder hin, weil mich die Füße verließen. Ein schrecklicher Traum. Wer hinter mir herlief, das weiß ich nicht mehr so genau. Vielleicht war es der Leibhaftige selbst, doch auf keinen Fall wollte ich mich erwischen lassen. Ich rannte um mein Leben, fiel hin, und kurz bevor er mich schnappen konnte, da wachte ich jedes Mal auf.
Jetzt dieser ähnliche Traum, verbunden wieder mit dieser schrecklichen Angst. Eine richtige Todesangst brauchte ich wohl nicht zu haben. Warum auch, wo ich doch so und so gehen wollte. Ein bisschen grübelte ich noch vor mich hin, stellte dann meine Beine aus dem Bett, ging ins Bad und ließ den warmen Strahl über Kopf und Schultern rinnen. Um 9 Uhr wollten wir uns treffen. Jetzt war es beinahe acht Uhr. Ich musste mich also beeilen.
***
"Unglaublich schön!", das war alles, was ich sagen konnte, und mein Mund stand wohl auch jetzt noch immer vor Staunen offen.
"Hat es also doch geklappt! Erzählen Sie! Was haben Sie alles erlebt?"
Der Chemiker stand in seinem weißen Mantel vor mir und blickte mich erwartungsvoll an, und ich sah in seinen Augen diesen sonderbaren Glanz. Einen Glanz, den man am ehesten bei Spitzensportlern sehen kann, wenn sie das höchste aller Ziele erreichen. Ich richtete mich auf dem Bett auf und begann zu erzählen ...
***
"Sie haben Ihr Experiment wirklich total in die andere Richtung gedreht und brauchen nur noch wenige Tage, um alles für die Nachwelt unter Dach und Fach zu bringen?"
"So ist es! Die Formel stimmt exakt, und die Wirkung haben wir erprobt. Das Experiment ist gelungen!"
Erfreut und wohl auch erleichtert kommt es aus dem Mund des Chemikers. Ich sitze wie der Doktor in einem wunderbar weichen Fauteuil und nicke zu diesen Worten, weiß ich doch um die wunderbare Wirkung dieses Versuches. Der Chef sitzt hinter seinem Schreibtisch und blickt zu mir her, mustert mich eine Weile und sagt: "Sie haben ihn also auf diesen Gedanken gebracht und können mir die Wirkung auch beschwören?"
"Ja. Dr. Milchbart hatte zwei Experimente vorbereitet. An beiden fehlte nur noch das letzte Quäntchen zur Vollendung, und eigentlich wollte der Doktor die Sache mit der Verlängerung des Lebens forcieren. Aber mein Zustand und meine Lebensgeschichte haben vielleicht ein bisschen dazu beigetragen, dass er sich letztlich für die zweite Variante entschieden hat."
Der Chef strahlte wie immer diese wohltuende Ruhe aus, lächelte wissend und fragte den Chemiker: "Und ihr Medikament wird für alle Menschen zugänglich sein?"
"Ich hab zwar die Formel zusammengestellt, doch die Vermarktung und Verbreitung kann und will ich nicht übernehmen!"
Wieder der Chef: "Bei Ihrer anderen Variante hätte ich nicht zugestimmt. Es wäre doch keinem dienlich, würden die Menschen doppelt oder dreimal so alt werden wie jetzt! Oder womöglich noch älter - wie sie meinten, das hinbekommen zu können mit Ihren Versuchen, von denen Sie mir einmal berichtet haben. Doch jetzt ...", und er blickte nachdenklich zu uns her, "jetzt kann ich mir vorstellen, dass Sie der Menschheit damit wirklich einen großen Gefallen tun. Vor allem diesen unzähligen immer älter werdenden und in Pflegeheimen auf den Tod wartenden Menschen. Ich habe mir ja selbst schon manchmal Gedanken gemacht, wie ich hier eingreifen könnte. Zum Wohle aller. Aber ich respektiere eben den Willen der Menschen und greife kaum jemals in ihre selbst getroffenen Entscheidungen ein. Obwohl es für mich manchmal unverständlich ist, wenn ich sehe, wie menschenunwürdig immer mehr ihrem Ende entgegendämmern."
Jetzt meldete ich mich zu Wort: "Ich hab so einen Abgang vor kurzem mitgemacht, und es war wunderschön, so von dieser Welt gehen zu können, wo mir das Schönste aus meinem Leben dabei wieder hautnah vor Augen geführt wurde. Und eigentlich war ich enttäuscht, dass mich der Doktor wieder zurückgeholt hat."
Eine kurze Pause entstand nach meinen Worten, ehe der Chemiker sagte: "Ich musste das Medikament an einer Person ausprobieren, obwohl ich von der Wirkung überzeugt war. Doch die Sache mit dem Zurückholen war sehr schwierig, weil die Tropfen nur ganz schwer herzustellen sind, und ich nicht sicher war, dass sie auch richtig wirken würden."
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Zwsei Dinge noch: Der Chemiker durfte weitermachen und meinen Antrag hat der Chef letztlich abgelehnt.